Gedanken zum Evangelium
Seid wachsam – nicht müde
Jesus lädt ein, wachsam zu sein, auf die kleinen Zeichen zu achten, in denen sich die Ankunft des Himmelreichs ankündigt.
von Richard Schleyer
„Seid wachsam!“ Diese Aufforderung steht im Zentrum der großen Rede Jesu, mit der er seine Wiederkunft am Ende der Zeiten ankündigt. Das Markusevangelium lässt Jesus diese Rede auf dem Ölberg halten, direkt bevor die Leidensgeschichte beginnt. Jesus hat sein eigenes Ende am Kreuz vor Augen und blickt voraus auf das Ende der Welt überhaupt. Die Stimmung Jesu ist angespannt. Er hatte den Auftrag, zu verkünden, dass das Reich Gottes angebrochen sei. Jetzt weiß er: Das Reich Gottes wird nur durch seinen eigenen Tod hindurch anbrechen. Er muss das Opfer seines Lebens bringen. Dann wird Gott, sein Vater im Himmel, den Beweis antreten, dass sich das Reich Gottes, das Reich der Liebe, allen Widerständen dieser Welt zum Trotz durchsetzen wird.
Am Tag der Vollendung wird die ganze Schöpfung in das Geschehen von Tod und Auferstehung Jesu einbezogen werden. Alles wird neu geschaffen. Dies wird, ebenso wie bei den Jüngern am Ölberg, nicht ohne Ängste abgehen. Unsere alten Herzen werden erzittern, bevor das Neue anbricht, sie erfasst. Nicht, weil dieses Neue so schlimm wäre. Es wird schön, unendlich schön sein, wenn die ganze Welt auferstehen darf. Aber genau diese Schönheit ist ungewohnt. „Seid wachsam, damit ihr das Neue anbrechen seht, merkt, wenn es sich entwickelt.“ So mahnt der Evangelist Markus uns spätere Jesusjünger. Zu sehr haben wir uns im Mittelmaß eingerichtet, sehen nur noch Untergang und Abbruch. Zu müde sind wir geworden, um wach dafür zu sein, wo Neues sich in unserem Leben, in der Kirche, in der Welt Bahn brechen will.
„Seid wachsam!“, mahnt Jesus. Er will uns aufrütteln, damit wir uns nicht der allgemeinen Müdigkeit überlassen. Diese ist die eigentliche Versuchung unserer Zeit. Uns geht es wie den Jüngern am Ölberg. Zu viel Aufregendes ist uns die letzte Zeit widerfahren, hat unsere Nerven und Kräfte aufgezehrt. Wir möchten nur noch schlafen, die Augen zu machen – auch damit wir der Angst um die Zukunft nicht ins Gesicht blicken müssen.
Um die Augen zu verschließen, lassen sich verschiedene Taktiken wählen. Sich tot stellen, nichts mehr sehen und hören wollen ist die eine. Sich ablenken, alle Sinne mit Vergnügungen zudecken oder sich in Arbeit vergraben, die andere. Alles, um der Ahnung aus unserer Seele zu verdrängen, dass Altes in uns absterben muss, damit etwas Neues wachsen kann. Wir stellen uns tot, um der Veränderung auszuweichen, um der Angst vor den vielen kleinen Toden des Lebens zu entfliehen.
Mit unserer Müdigkeit decken wir auch unsere Angst zu. Doch damit verpassen wir ebenso jene Momente, in denen die Auferstehung in unser Leben und in unsere Welt einbrechen will und sie verändern.
„Seid wachsam!“ Diese Aufforderung Jesu soll für uns keine Drohung sein, sondern eine liebe Ermahnung. Wachsam sollen wir sein für das kleine zarte Pflänzchen der Liebe, um es zu erkennen, wenn es in uns und in unserer Umgebung aufgehen will. Das Reich Gottes bricht an, wo Menschen beginnen, sich vor dem Loslassen im eigenen Leben nicht mehr zu fürchten, sich und ihr Schicksal der Liebe Gottes und dem Heiligen Geist überlassen. So sicher wie jedes Jahr der Sommer wieder einzieht, kommt auch das Reich Gottes und verwandelt diese Welt. Dies geschieht oft im Kleinen, in unscheinbaren Ereignissen und Begegnungen, in denen der Geist der Liebe unsere Angst und Müdigkeit überwindet. Es lohnt sich, wachsam zu sein!







