Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kommentar

Schulzeugnisse

An diesem Mittwoch gibt es für die Schüler in Nordrhein-Westfalen Zeugnisse: neu sind dabei die Kopfnoten auf dem Ganzjahreszeugnis. Journalisten sind Zeugnisse immer auch einen Blick in die Beurteilung von Schulministerin Sommer wert, die nun seit zweieinhalb Jahren die Bildungspolitik im Lande bestimmt.


Die Zusammenfassung ist nicht schlecht: Die Schülerin Sommer hat die Versetzung in das nächste Schuljahr geschafft. Sie hat auch das Potential gezeigt, dass es künftig noch besser werden kann. Allein die Sorgfalt ihrer Hausaufgaben lässt noch zu wünschen übrig. Fehler beim Zentral-Abi haben ihr im Endspurt einige Erfolge verhagelt.
Die Noten für die NRW-Schulpolitik fallen gemischt aus. Steht es in den Fächern ganz gut, so gibt es bei den Kopfnoten der Ministerin Bewegung. Zum zweiten Zeugnis in der Amtszeit steht auch für Barbara Sommer sowie die schwarz-gelbe Landesregierung ein Resümee an. Neben aller lautstarken Kritik fällt das nicht ganz so schlecht aus, wie die Schlagzeilen glauben machen: Das Klassenziel hat die ehemalige Lehrerin und jetzige Vollblutpolitikern durchaus erreicht. Es gibt viele neue Lehrer und kaum mehr Unterrichtsausfall. Der Wildwuchs früherer Erlasse wurde abgeschafft, den Schulen viel Eigenverantwortung zugetraut. Die Zentralprüfungen liefen bis auf das Fach Mathe recht gut, auch das „Turbo-Abi“ macht sich neben allen Schlagzeilen recht ordentlich. Und selbst die Kopfnoten gewinnen an Akzeptanz.
Da wirkt die Kritik gerade der evangelischen Kirche von vergangener Woche, die generell das Bildungssystem in den drei Schularten als ungerecht und unsozial bezeichnet hat, als ein Stück Rhetorik. Denn das ist weder eine NRW Erfindung, die von Ministerin Sommer erst recht nicht. Und selbst der Blick zurück zeigt, was es ansonsten alles längst schon gab, das in seiner heutigen Renaissance allerdings auch von den Kirchen verteufelt wird: Kurzschuljahre, Zwölf-Jahresabitur, Kopfnoten und  Auswendiglernen haben in den 50ern bis 70ern ganze Schülergengerationen nicht aus der Bahn werfen können und ihnen eine Bildung verschafft, auf der heute große Teile des Staates aufbauen. Bei aller kurzfristigen Aufregung über die aktuelle Schulpolitik: Das jüngste Zeugnis hat zwar noch Verbesserungsmöglichkeiten. Es ist aber bereits deutlich besser, als zu SPD-Zeiten. Da gab es bei den Schülern Girgensohn und Schwier, Schäfer und Kraft erheblich mehr Kritikpunkte.
Christian Schlichter (44)
ist Chefredakteur des DOM


24.05.2012
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