Aktuelle Ausgabe
2012-20

Renommierte Referenten bei Tagung zum Nahostkonflikt im christlichen Bildgungswerk „Die Hegge“

„Quo vadis, Israel?“

Diskutierten auf der Hegge die Situation im Nahen Osten (v. l.): Dr. Ghaleb Natour, Dorothee Mann, Prof. Dr. Rolf Verleger und Dr. Rupert Neudeck.

Willebadessen-Niesen (PM/jon). „Quo vadis, Israel?“ – „Wohin gehst du, Israel?“ – lautete das Thema einer Tagung im christlichen Bildungswerk „Die Hegge“ in Willebadessen-Niesen. Prominente Experten wie Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck diskutierten den Nahostkonflikt.  Dabei zeigte er sich überzeugt, dass die Mauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten nicht lange halten werde. „Historisch gesehen ist jede Mauer irgendwann gefallen.“  

Den Auftakt als Referent machte Dr. Ghaleb Natour, Palästinenser aus dem Kernland Israels und seit 1979 als Physiker in Deutschland lebend, indem er die aktuelle Lebenssituation der arabischen Bevölkerung in Israel darstellte. Diese habe sich seit der Gründung des Staates Israel immer weiter verschlechtert, klagte er. Aus diesem Grund sei 1948, das Jahr der israelischen Staatsgründung, aus palästinensischer Perspektive „Nakba“, das Jahr der Katastrophe. „530 Dörfer wurden zerstört, stattdessen wurden 700 jüdische Siedlungen errichtet. Ein regelrechter Austausch der Bevölkerung fand statt“, so die bittere Bilanz von Natour, Die in Israel verbliebenen Palästinenser seien von der arabischen Welt abgeschnitten und innerhalb des neugegründeten Staates wie Staatsfeinde behandelt worden. Diese feindliche Einstellung gegenüber der arabischen Bevölkerung trage sich bis heute durch. Als Beispiel nannte er das Phänomen „nichtanerkannter arabischer Dörfer im Negev und in Galiläa“. Diese Dörfer würden offiziell als „nichtexistent“ gelten, seien daher ohne Infrastruktur, ohne Strom, Wasser, Postanbindung, ohne Schulen und Krankenhäuser.  Natour, der die Situation sachlich und ohne anklagenden Ton darstellte, bejaht dennoch den Staat Israel und sucht nach Wegen des Friedens zwischen beiden Parteien. Er lädt jüdische und arabische Jugendliche aus Israel zu einer Dialogwoche ein, „damit man konkrete Gesichter ‚der anderen Seite’ kennenlernt“.
Der zweite Referent, Rupert Neudeck, als Gründer des Komitee Cap Anamur und Vorsitzender des Friedenskorps „Grünhelme“ mit vielen Elendsgebieten weltweit vertraut, erkärte, dass die Palästinafrage kein lokaler Konflikt, sondern ein Weltkonflikt sei. „Die ganze muslimische Welt tobt wegen des Palästinakonflikts.“ Neudeck wies besonders auf die gefährliche Rolle des Iran hin und appellierte an die deutsche und europäische Politik: „Wir müssen die Opposition im Iran ansprechen und stärken! So lässt sich ein Nahostkrieg vielleicht abwenden.“
Prof. Dr. Udo Steinbach, Islamwissenschaftler und langjähriger Leiter des Orient-Instituts, verwies ebenfalls auf die Bedrohung Israels durch den Iran: „Die Drohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gegenüber Israel muss man durchaus ernst nehmen.“ Dabei werde scheußlicherweise sowohl von Seiten Ahmadinedschads wie auch von Seiten Israels der Holocaust instrumentalisiert, von Ahmadinedschad durch die Leugnung des Holocausts. Dabei glaube er selbst nicht an das, was er sage, meinte Steinbach. Seine Absicht sei die Mobilisierung gegen Israel. Doch auch Israel instrumentalisiere den Holocaust, indem es die erlittene Geschichte als Argument zur Verteidigung der eigenen aggressiven Politik einsetze, sagte Udo Steinbach.
Prof. Dr. Rolf Verleger, Jude und Professor für Psychiatrie in Lübeck, sagte, „das Bewusstsein für die verbrecherische deutsche Vergangenheit“ sei „eine notwendige Voraussetzung für eine Kritik am Staat Israel“. Doch die Lehre aus dieser Zeit dürfe auf deutscher Seite nicht nur der Einsatz für die Rechte der Juden sein, sondern müsse der Einsatz für die Rechte aller Menschen sein, ob nun palästinensische Araber, Deutsche oder israelische Juden. Daher sei jedes Schweigen bei Menschenrechtsverletzungen in Israel eine „Beihilfe für neues Unrecht“, sagte der jüdische Deutsche Rolf Verleger, dessen Großeltern durch die Nationalsozialsten ermordet wurden und dessen Vater Ausch­witz überlebte. Es sei aber keine Wiedergutmachung für die Nazi-Verbrechen, wenn die westliche Welt Israel alles gestatte. „Im Gegenteil! Es würde Israel unendlich gut tun, wenn es aus seiner Position, das ewige Opfer zu sein, herausgeführt und wie jeder andere Staat in das internationale Regelsystem des Völkerrechts eingebettet würde“, sagte Rolf Verleger.


23.05.2012
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