Wie Großeltern auf Wallfahrten den Glauben weitergeben
Pilgern mit Oma und Opa
St. Marien in Cloppenburg-Bethen ist der nördlichste Marien-Wallfahrtsort Europas. Der Überlieferung nach wurde das Marienbild auf dem Flüsschen Soeste stromaufwärts schwimmend von Landleuten gesehen, die gerade auf den Feldern arbeiteten. Die Leute glaubten an ein Wunder und beschlossen, es in eine nahe gelegene Kapelle zu bringen. 1448 findet sich die erste urkundliche Erwähnung einer Wallfahrt - dieses Jahr pilgerten erstmals Großeltern mit ihren Enkelkindern auf einer speziell für Kinder gestalteten Wallfahrt zu dem Gnadenbild.
Text: Annedore Beelte
Fotos: Gerd Vieler
Das Kruzifix im Pilgerzentrum zieht die Blicke auf sich. „Jesus ist tot“, meint eines der Kinder in der Menge. Ein anderes wendet sich an seine Oma: „Ist Jesus der Weihnachtsmann?“ – „Nein“, antwortet die ältere Dame mit leisem Entsetzen. Eine typische Szene im ungleichen Glaubensleben der Generationen und typisch für die „Großeltern-Enkel-Wallfahrt“ im oldenburgischen Marienwallfahrtsort Bethen.
„Großeltern wollen die Kraft, die sie selber aus dem Glauben geschöpft haben, an ihre Enkel weitergeben“, sagt Angelika Giseke, Referentin für Seniorenseelsorge im Bistum Münster. „Aber sie wissen oft nicht, wie.“
Dass ihre Enkel die Kirche nicht so kennenlernen sollen wie sie selbst es in ihrer Kindheit taten, steht für viele fest. „Das war nur Druck“, sagt der 71-jährige Aloys Broxtermann. Heute lebt er den Glauben anders, als er es damals gelernt hat. Er glaubt längst nicht mehr, dass man gute Christen daran erkennt, dass sie jeden Sonntag in der Kirche sitzen. Auch Rosa Koppers wünscht sich etwas anderes für ihre Enkel: „Das ‚Müssen‘ muss weg“, findet sie. Aber wie weckt man echtes Interesse am Glauben?
Rosa Koppers betet mit ihren Enkeln ein Tischgebet, wenn sie zum Mittagessen vorbeikommen. Maria Lüesse lädt ihre Enkeltochter Marie am Wochenende gerne über Nacht ein, wenn am Sonntag in ihrer Gemeinde ein Kindergottesdienst ansteht. Aloys Broxtermann war mit seinen Enkeln sogar schon auf Wallfahrt. Aber dort war man nicht auf Kinder eingerichtet. „Das war langweilig für euch, oder?“ Der sechsjährige Markus nickt müde.
Darum lädt etwa Angelika Giseke im Bistum Münster an verschiedenen Orten zur „Großeltern-Enkel-Wallfahrt“ ein. In Ginderich bei Wesel und Marienbaum bei Xanten gibt es dieses Angebot 2010 schon zum zweiten Mal. Im Marienwallfahrtsort Bethen im Oldenburger Land treffen sich Großeltern und Enkel erstmals an diesem Nachmittag. Dem strömenden Regen zum Trotz sind die meisten der rund Hundert angemeldeten Teilnehmer gekommen.
„Wir wollen Großeltern und Kindern die Wallfahrtsorte in der Umgebung als Orte zum Krafttanken nahe bringen. Den Kindern zeigen wir: Man kann hier aus dem Alltag heraustreten, eine Kerze anstecken und eine Sorge loslassen. Die Großeltern haben im Leben oft schon viele Härten erfahren und wissen: Es gibt Situationen, da muss man es Gott überlassen, den Rest zu machen.“
Auch in anderen Wallfahrtsorten sind Großeltern und Enkel gemeinsam eingeladen, etwa im Kloster Maria Martental im Bistum Trier alljährlich zu Christi Himmelfahrt. In der Zisterzienserabtei Marienstatt im Bistum Limburg glückte das Experiment in diesem Jahr zum ersten Mal mit rund 70 Teilnehmern und soll fortgesetzt werden. In Schönstatt bei Koblenz trafen sich pilgernde Großeltern und Enkel schon zweimal.
„Die Idee kommt aus Großbritannien“, erklärt Schwester Anne-Meike Brück von der Wallfahrtsleitung. Die „National Grandparents Association“ organisiert das Angebot im englischsprachigen Raum seit 2003. Nach Walsingham in England, Knock in Irland und Palm Beach in den USA pilgern Großeltern und Enkel aus dem ganzen Land.
Von den Wallfahrern, die in Bussen nach Schönstatt kommen, hat Schwester Anne-Meike viel über die Sorgen der Großeltern um die Zukunft des Glaubens gehört. „Früher hatte die Generation der Eltern oft Vorbehalte gegen Religion und Kirche“, berichtet sie. „Heute erleben wir eine große Aufgeschlossenheit, aber viele Eltern haben einfach keine Ahnung mehr.“ Auf dem Umweg über die Großeltern und Enkel hoffen die Schwestern, auch die mittlere Generation wieder zu erreichen.
Angelika Giseke verfolgt diesen Anspruch nicht. Sie beobachtet, dass zunehmend beide Eltern berufstätig sind und im Familienleben wenig Freiräume bleiben. Den Großeltern, meint sie, ist damit eine neue, verantwortungsvolle Rolle zugewachsen. Von den Omas und Opas in Bethen klagt aber niemand über die oft areligiösen Erziehungsmethoden ihrer Kinder und Schwiegerkinder. „Heute ist es eben anders“, sagen sie nicht ohne Erleichterung, dass ihren Enkeln manche negative Erfahrung mit der Kirche erspart bleibt.
In Bethen wird der Glaube derweil greifbar: Großeltern und Enkel basteln zusammen Holzkreuze. Dann begeben sie sich auf einen kleinen Parcours des Vertrauens. Die Großeltern bekommen die Augen verbunden und werden von ihren Enkeln geführt. Dann wechseln die Rollen. Gemeinsam überlegen sie dann, für wen sie beten und eine Kerze anstecken möchten.
Vor dem Gemeindezentrum hat der Regen inzwischen nachgelassen, der Prozessionsweg kann beginnen. Die Kinder tragen kleine und größere Fahnen. Da fällt auch schon mal eine in den Matsch und wird schnell wieder aufgerichtet. Unterwegs wechseln sich die Fahnenträger ab. „Los, lauf nach vorne“, feuert Aloys Broxtermann seinen Enkel an und lächelt, als Markus eine Fahne ergattert.
Am Ende des Gottesdienstes dankt Angelika Giseke den Großeltern für ihr Engagement in den Familien. Und sie ermuntert auch die Kirche, die neuen Wege weiterzugehen: „Es ist wichtig, dass die Kirche die besondere Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln erkannt hat.“







