Aktuelle Ausgabe
2012-20

Ein Gespräch mit Dechant Benedikt Fischer über geistliche Leitung in größeren pastoralen Räumen

Pastoralverbund als geistliche Aufgabe

Dechant Benedikt Fischer vor der eingerüsteten St.-Hedwigs-Kirche. Ein Sinnbild: die Paderborner Kirche befindet sich im Umbau. Und keiner kann so recht sehen, was die Zukunft bringen wird. Foto: Schleyer

Paderborn. Die pastorale Landschaft in der Erzdiözese ordnet sich neu. Pastoralverbünde und Gemeinden schließen sich in einem zweiten Schritt der Strukturreform zu größeren Einheiten zusammen. Auch im Dekanat Paderborn ist diese Phase im Gang. Dechant Benedikt Fischer wirbt dafür, diese Neuordnung als geistliche Herausforderung anzunehmen.  

von Richard Schleyer 

Dechant Fischer sieht Entwicklungsbedarf auf zwei Ebenen. Einmal könne ein Pfarrer in einem größeren pastoralen Raum von 15000 oder mehr Katholiken seine priesterliche Funktion nicht mehr so ausüben wie in der früheren Pfarrfamilie einer Einzelgemeinde. „Da muss geistliche Leitung ganz anders aussehen!“, betont Fischer. Damit Seelsorge nicht unpersönlicher werde, müsse der Leiter eines Pastoralverbundes viele Dinge aus der Hand geben. „Der Pfarrer wird noch deutlicher als bisher Leitung von Aufgaben delegieren müssen.“ 

Fischer kennt die Sorge in den Gemeinden, Zusammenlegungen könnten das geistliche Leben vor Ort ausdünnen. Verwaltung und Organisation lasse sich in einem Pastoralverbund zwar gut zentralisieren. Aber Fischer warnt: „Das Gemeindeleben darf nicht anonymisiert werden. Christen brauchen einen persönlichen religiösen Bezugsrahmen vor Ort, einen pastoralen Nah-raum.“ Dass dieser erhalten bleibt, ist dem Dechanten und Pfarrer ein großes Anliegen. 

Nur muss er den Gemeinden auch deutlich die Augen öffnen. „Der pastorale Nahraum wird sich künftig immer weniger durch die Anwesenheit von Priestern oder Hauptamtlichen darstellen.“ Entweder werde eine Gemeinde sich aufrappeln und mit einem Gemeindeteam aus Ehrenamtlichen ihren geistlichen Nah-raum selber gestalten oder sie sterbe. Deshalb, betont Fischer, sei es so wichtig, dass nicht die Hauptamtlichen unter sich das Konzept ihres Pastoralverbundes entwickeln. „Das lässt sich nicht von oben vorgeben, sondern muss mit möglichst vielen Beteiligten aus den Gemeinden gefunden werden.“ In seinem eigenen Pastoralverbund Paderborn Süd-Ost-Dahl bestand die Steuerungsgruppe für die Konzeptentwicklung aus je einem Pfarrgemeinderats- und einem Kirchenvorstandsmitglied aus jeder der drei Gemeinden. Während des Findungsprozesses wurden mehrmals alle Gemeindeglieder zu Versammlungen eingeladen. Jeder durfte am Konzept mitdiskutieren und sich einem Ausschuss zu einzelnen Themen anschließen, die dann in Kontakt mit der Steuerungsgruppe selbstständig weiterarbeiteten. Damit war die künftige Arbeit im neuen Pastoralverbund ein gemeinsames Anliegen der Engagierten aller Gemeinden geworden, die sich zudem für ihren Einsatz vor Ort neu motiviert fühlten.

Seit dem 1. Mai ist Dechant Fischer Leiter eines zweiten Pastoralverbundes, auch in Paderborn-Süd. Den neu entstandenen 14  300 Katholiken umfassenden pastoralen Raum zu einem Pastoralverbund zusammenzuschmelzen, schien zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht sinnvoll, weil sich die drei Gemeinden von Paderborn-Süd auf eine Fusion vorbereiten. Sie bilden jetzt schon einen Gesamtpfarrgemeinderat, der den weiteren Zusammenschluss vorbereitet. Wenn in weiteren Phasen der Konzentration die schon fusionierte Innenstadtgemeinde St. Liborius und die anderen Paderborner Kernstadtgemeinden in einem einzigen Pastoralverbund zusammengefasst sind, wird sich die Paderborner Kirchenlandschaft völlig verändert haben.

Benedikt Fischer begann als Pfarrer der in dem Baugebiet „Auf der Lieth“ neu gegründeten Pfarrgemeinde St. Hedwig. Er fand dort eine lebendige junge Pfarrfamilie mit über 250 Ehrenamtlichen. Zug um Zug vergrößert sich aber sein pastoraler Raum, zusätzlich nimmt er noch das Amt des Dechanten wahr. „Ich kann nicht mehr in der früheren Form Vater meiner Pfarrfamilie sein.“ Er hat beispielsweise für seine sechs Kirchenvorstände jeweils ehrenamtliche Geschäftsführer berufen und lässt diese selbstständig arbeiten. „Ich selber nehme nur noch an den Geschäftsführerkonferenzen teil, in denen wir die wichtigen Entscheidungen gemeinsam vorbesprechen.“ Auf Dauer wünscht er sich, dass die Kirchenvorstandsarbeit von einem hauptberuflichen Geschäftsführer geleistet wird. „Um noch als Seelsorger wirken zu können, muss der Leiter eines großen Pastoralverbundes vom operativen Verwaltungsgeschäft völlig befreit werden.“ Auch viele liturgische Aufgaben wie zum Beispiel Beerdigungen müssten in den Gemeinden an Laien delegiert werden, weil kein Geistlicher mehr zu Verfügung stehe.

 


23.05.2012
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