Aktuelle Ausgabe
2008_46

Weihbischof Dr. Josef Voß aus Münster zum Thema Integration und kirchliche Verantwortung

„Nur wer die Wirklichkeit annimmt, kann sie gestalten“

Weihbischof Dr. Josef Voß wurde 1937 im zur Diözese Münster gehörenden Langenberger Ortsteil Benteler geboren. 1964 empfing er in Rom die Priesterweihe. In der Deutschen Bischofskonferenz ist er seit 1997 Vorsitzender der Kommission für Migration.

In seinem Gastbeitrag beschreibt Weihbischof Dr. Josef Voß aus Münster die Integration als eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Dabei hat die katholische Kirche aufgrund ihres Menschenbildes und ihrer Geschichte eine ganz besondere Verantwortung.

von Dr. Josef Voß

„Integration fördern – Zusammenlegend gestalten“  – Unter dieser Überschrift haben die Deutschen Bischöfe 2004 in einem gemeinsamen Wort die drängende und bleibende Aufgabe beschrieben, die uns allen und der Gesellschaft als ganzer aufgegeben ist, damit ein gedeihliches Miteinander von Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Sprachen, Kulturen und Religionen in unserem Land gelingen kann. In einer Zeit, in der die Welt immer mehr durch Wirtschaft, Tourismus, Verkehr, Informationsmöglichkeiten zusammenwächst, gehört Migration zur Wirklichkeit unserer Zeit, ob uns das gefällt oder nicht. Nur wenn wir die Wirklichkeit annehmen, können wir sie gestalten.
Integration betrifft nicht nur die zugewanderten Menschen, sondern ist ein vielschichtiges und wechselseitiges Geschehen, bei dem sowohl die Zuwanderer als auch die Einheimischen beteiligt sind. Es geht darum, dass Menschen, die in unser Land kommen und hier bleiben, auch gerade in ihrer Unterschiedlichkeit am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und es mitgestalten können. Integration steht auf drei Säulen:
Verständigung muss möglich sein; darum müssen ausreichende Deutschkenntnisse erworben werden, das ist notwendige Voraussetzung für jede Kommunikation.
Der Lebensunterhalt muss gesichert werden können. Darum müssen Zuwanderer grundsätzlich die Möglichkeit bekommen, sich in den Arbeitsmarkt einzugliedern, um für sich selber sorgen zu können.
Integration meint Teilhabe an der Gesellschaft. Darum müssen Zuwanderer Wege zur wachsenden Teilnahme an den gesellschaftlichen Gütern und an der Gestaltung des Gemeinwesens eröffnet werden.
Die gesellschaftlichen Bemühungen um die Integration von Migranten wurzeln in den von unserem Grundgesetz vorgegebenen Grundwerten, insbesondere in der Überzeugung von der unantastbaren Würde jedes Menschen. Für uns Christen wird diese Würde verbürgt durch die freie und universelle Zuwendung Gottes. Sie gründet in der Gottesebenbildlichkeit eines jeden Menschen: Trotz aller Unterschiede kommt allen Menschen dieselbe Würde zu, weil sie alle Kinder des einen Vaters sind. Alle Integrationsbemühungen müssen auch eine nachholende Integration einschließen, die jene Zuwanderer betrifft, die zum Teil schon lange in unserem Land leben. Es gibt aber viele gute Beispiele einer gelungenen Integration, über die in der Regel nicht gesprochen wird. Solche Beispiele gibt es in Nachbarschaften, in vielen Stadtteilen, in Schulen und Kindergärten und am Arbeitsplatz.
Es gibt auch viele Fehlentwicklungen, die in der Regel allein Schlagzeile machen. Fragen der Migration dürfen weder angstbesetzt noch blauäugig angegangen werden. Dass in unserem Land Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Sprachen und Kulturen leben, bringt Chancen mit sich, kann eine Bereicherung sein für beide Seiten, enthält aber auch beträchtliche Risiken.
Integration ist ein wechselseitiges Geschehen und fordert Zuwanderer und Aufnahmegesellschaft heraus. Gegenseitiges aktives Interesse und Achtung voreinander und vor den Werten, die jeder Mensch mitbringt, sind notwendige Voraussetzung für ein friedliches Miteinander. Ein gleichgültiges Nebeneinander ist auf Dauer zu wenig.
Als Kirche ist uns diese Aufgabe der Integration in besonderer Weise aufgegeben: Von Anfang an und aus ihrem Ursprung ist die Kirche universal – die eine Kirche aus vielen Sprachen und Kulturen.
Durch die Taufe, die Firmung und die Eucharistie wird jeder Gläubige der Kirche eingegliedert mit gleichen Rechten und Pflichten. Die katholische Kirche ist keine Nationalkirche; es gibt keine Deutsche Kirche. Wir sind die eine Kirche in Deutschland, in der die Mehrzahl der Gläubigen deutschsprachig sind, viele haben eine andere Muttersprache; die muttersprachlichen Gemeinden sind Teil der Ortskirche; die Katholiken einer Minderheitssprache und einer Minderheitskultur sind bei uns nicht Gäste, sondern gehören gleich ursprünglich wie deutsche Katholiken zur Gemeinde. Schon die Apostelgeschichte zeigt uns die eine Kirche aus vielen Sprachen und Kulturen.
Wer sich für die Menschen anderer Muttersprachen offen und unvoreingenommen informiert, wird bei ihnen Traditionen, Formen der Frömmigkeit, Weisen des Miteinanders, des Familienlebens entdecken, die für uns anregend sein können. Diese Vielfalt ist ein Reichtum, den wir noch nicht immer wahrnehmen. Er bleibt eine Aufgabe.



21.11.2008
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