Aktuelle Ausgabe
2012-20

Pater Anselm Grün verweist auf einen anderen

Nicht Person sondern Botschaft

Wer sich nur von seinem Ruf her definiere, bleibe innerlich stehen, warnt Pater Anselm Grün.Foto: KNA

Zum Täufer am Jordan zogen ganz Jerusalem und Judäa hinaus; der Mönch aus Münsterschwarzach füllt Vortragssäle und steht auf Bestsellerlisten. Wie Johannes der Täufer ist Pater Anselm Grün für viele Menschen auf religiöser Suche ein Hoffnungsträger. Und doch sollen beide auf jemanden verweisen, der größer ist als sie.

von Roland Juchem

Er trägt keinen Überwurf aus Kamelhaar und ernährt sich nicht von Heuschrecken und wildem Honig. Trotzdem wirkt Anselm Grün wie ein Exot. Ein solch wallenden, weißen Vollbart tragen sonst nur orthodoxe Mönche; und das schulterlange, mitunter strähnige Haar verleiht dem Benediktiner aus der Abtei Münsterschwarzach bei Kitzingen am Main die Anmutung eines Alt-Hippies.
Seit etwa zehn Jahren ist Anselm Grün unangefochtener Star auf den religiösen Bestsellerlisten des deutschsprachigen Raumes. „An den kommt keiner ran, nicht einmal der Papst“, fasst ein Buchhändler das Interesse seiner Kunden zusammen. Rund 250 Titel mit einer Auflage von 15 Millionen in 31 Sprachen lautet Anselm Grüns derzeitige Bilanz. Zwar wurden in Osnabrück, Köln und Saarbrücken seinetwegen keine Hallen mehr „wegen Überfüllung geschlossen“, doch noch immer gehört der 63-Jährige zu den Zugpferden auf Katholiken- und Kirchentagen.
Viele seiner Leser und Leserinnen aber finden sich außerhalb des kirchlichen Milieus. Die ARD-Talkshow „Beckmann“ nannte ihn „Deutschlands Glücks-Guru, der Millionen Menschen Hoffnung und Halt gibt“. Von derartigen Etiketten hält Anselm Grün jedoch „gar nichts“, auch wenn er „dankbar“ ist, dass so viele Menschen seine Bücher lesen. Der Benediktiner weiß, dass Medienauftritte eine Gratwanderung sind. „Wo es um meine Person geht, gehe ich nicht mehr hin; ich gehe nur dorthin, wo ich eine Botschaft vermitteln kann.“
Und die wäre? „Ich möchte den Reichtum der christlichen Tradition in einfacher, nicht bewertender Sprache verkünden, Menschen helfen, das Leben aus dem Glauben zu bewältigen. Dass sie auf einem realistischen Weg ihre eigene Lebensspur finden ohne die Ratgebertricks manch US-amerikanischer Prediger“, formuliert er im Akzent seiner unterfränkischen Heimat. Er selber hat die christliche Tradition Mitte der siebziger Jahre wiederentdeckt. Nachdem der junge Mönch sich im Zuge der „‘68er Ordensrevolution“ mit dem Psychologen C. G. Jung und Zen-Meditation befasst hat, stieß er auf die Tradition der frühen Wüstenväter und die Anfänge seines eigenen Ordens, der bis 6. Jahrhundert zurückgeht.
Aus Tagungen und Vorträgen entwickelte er mit den Mitbrüdern Meinrad Dufner und Fidelis Ruppert zu Themen des frühen Mönchtums eine Reihe kleiner Schriften, die im abteieigenen Vier-Türme-Verlag erschien. Um 1993 entdeckte dann der Herder-Verlag die Reihe, und der Weg in die Bestsellerlisten begann. Der Durchbruch kam mit dem Buch „50 Engel für das Jahr“, das eine Million mal ver­kauft wurde, eigentlich von Tugenden handelt und nicht einmal das Lieblingsbuch des Autors ist. „Stolz“ ist Anselm Grün unter anderem auf seine Einführung in die vier Evangelien.
Seinen Erfolg empfindet Anselm Grün durchaus als Versuchung, sieht „die Gefahr, vermarktet zu werden“, zu denken: Ich bin wohl wichtig, denn sonst kämen die Menschen nicht“. Wer sich aber nur von seinem Ruf her definiert, bleibt innerlich stehen, warnt er.
Der Erfolg mag Anselm Grün schmeicheln, er mindert nicht seine Bescheidenheit. Als er einmal schlicht in Jeans und Pullover zu einem Vortrag am Hildesheimer Priesterseminar erschien, schickte ihn – bevor er groß etwas sagen konnte – die Dame am Empfang zu den Obdachlosen, die dort eine Suppe oder eine Tasse Kaffee erhalten. Dort wartete der Mönch dann, bis ihn sein Gastgeber abholte.
In seinem Kloster, der massigen Abtei Münsterschwarzach nördlich von Kitzingen am Main, ist er nur „der Anselm“, wie der Pater an der Pforte sagt. Und auch wenn der Pförtner hin und wieder Leute abwimmeln muss, die dem prominentesten Mönch Deutschlands „mal eben ‚Guten Tag‘ sagen wollen“ – von möglichem Neid oder Missgunst seiner Mitbrüder bekommt Pater Anselm nach eigener Aussage nichts mit. Dass Kritiker unter ihnen Schriften des bekannten Mitbruders, die ihnen zu seicht erscheinen, als „Grün-Zeug“ titulieren, wird nur hinter vorgehaltener Hand erzählt. Von sich selbst sagt Pater Anselm: „Ich bin ein Mönch, der sein Leben lang Gott sucht, der sich fragt: Was ist das Geheimnis des Lebens?“ Und er tut das in einer Sprache, die sehr viele Menschen anspricht.
Johannes dementierte die Erwartungen seiner von Endzeitstimmung erregten Zeitgenossen: Er sei nicht der Messias, der Elija, der Prophet. Nur eine Stimme in der Wüste, die jemanden ankündigen soll, der „mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt, und der nach mir kommt“. Damit konnte der Täufer am Jordan neugierig machen auf einen, der noch kommen sollte. Der Mönch und Bestsellerautor, der jede Woche rund 100 persönliche Briefe und E-Mails erhält, soll die Erwartungen und Projektionen seiner Zeitgenossen umlenken auf jemanden, der längst bekannt ist. „Ich hoffe, dass ich über die Botschaft Jesu schreibe und nicht über mich“, sagt er selbstkritisch.
Trotz mancher Kritik, er sei zu esoterisch, rede zu wenig von Christus, widerstrebt es dem Benediktiner, in jedem zweiten Satz Jesus zu erwähnen. Er will auf ihn verweisen in einer anderen Sprache, einer „die nicht moralisch, nicht besserwisserisch, nicht dogmatisch ist, sondern konkret und von Erfahrung gesättigt“. Mit solch offener Rede werde auch die Sache Jesu offener angenommen.


23.05.2012
Impressum | Kontakt
4002