Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kommentar

Nicht Inflation sondern Teuerung

Nach Pressemeldungen hat der deutsche Großhandel seine Preise im Juli so stark angehoben wie seit 27 Jahren nicht mehr. Sie stiegen um 9,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Das ist die höchste Teuerungsrate seit November 1981. Damals waren es 10 Prozent. Schon in kurzer Zeit werden sich die Großhandelspreise beim Endverbraucher niederschlagen. 

Seit der Einführung des als Teuro verschrienen Euro im Jahr 2002 versuchen die Statistischen Ämter mit dem Wort von der gefühlten Inflation den Verbrauchern die Angst vor einer Geldentwertung zu nehmen. Eigentlich liege die Inflationsrate im Vergleich zu anderen Ländern immer noch niedrig. Der Verbraucher fühlte es anders.
Seine Bestätigung findet er in den neuseten Zahlen über den Preisanstieg, die jetzt vom gleichen Amt veröffentlich wurden. Das Dreiecksverhältnis von Einkommen, Geld- und Warenwert entscheidet sich nun – und das ist nicht mehr zu leugnen, zulasten der Kaufkraft. Die 1:1-Übernahme der DM-Preise nähert sich der Vollendung. Es ist daher angebracht, mehr von einer großen Teuerung als von einer Inflation zu reden, da es nicht allein um die Entwertung des Geldes geht. Denn die Einkommen sind ja nicht im gleichen Maße gestiegen, wie die Preise.
Diese große Teuerung vor allem bei Energie und Nahrungsmitteln ist nicht auf Deutschland beschränkt, sondern ein weltweites Phänomen. Nach Einschätzung der Deutschen Welt­hungerhilfe wird das auch in Zukunft so weitergehen. Ein Grund dafür ist kurioserweise der steigende Lebensstandard in den sich stark entwickelnden Ländern. Für ein Leben auf dem Niveau der reichen Industriestaaten für alle Menschen reichen die Ressourcen der Erde nicht aus. Und da bleiben die Armen sowohl national als auch international auf der Strecke.
Es wird immer deutlicher, dass der hohe Lebensstandard und Wohlstand der reichen Länden nur zu halten war, weil es die vielen Armen gab, die nun einen Stück vom Kuchen abhaben wollen. Gerd Vieler (51)
ist Chef vom Dienst des DOM


23.05.2012
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