Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Nachfolge ohne Abstriche

Pastor Liudger Gottsch­lich ist Leiter des Referats Exerzitien und Spiritualität und der Pilgerstelle im Erzbistum Paderborn.

Auch unter veränderten Bedingungen hat der Ruf Jesu zu einer radikalen Nachfolge seine Gültigkeit. Das macht Pastor Liudger Gottschlich in seinem Beitrag deutlich. 

von Liudger Gottschlich 

Wäre das ernst gemeint … Und dabei ist dieser Text schon geglättet, damit es nicht zu unerträglich klingt. Statt „gering achten“ steht da eigentlich „hassen“!  Also: die hassen, aus deren Kontakt wir leben; sogar sich selbst; das Kreuz nehmen und auf den ganzen Besitz verzichten, das kann Jesus nicht ernst meinen. 

Und ob! Jesus lässt gar keinen Zweifel daran. Oft genug betont er das. Nicht nur hier. Er zieht mit den Jüngern als mittelloser Wanderprediger durch das Land, um den Anbruch der Gottesherrschaft zu verkünden. Und zwar nicht nur mit Worten, sondern eben durch die ganze Lebensweise. Er macht sich restlos abhängig von der Güte und Sorge seines Vaters im Himmel, um den Menschen zu zeigen, dass Gott in der Welt wieder gegenwärtig und erfahrbar ist. Er lebt in der Welt mit ihren Bedingungen – und gleichzeitig ist in dieser Welt schon das endgültige und zukünftige Reich Gottes angebrochen, wo die Gesetze dieser Welt keine Gültigkeit mehr haben. Deshalb wagt er es, sich davon loszulösen. Und er verlangt ohne Abstriche von seinen Jüngern dasselbe. Durch ein radikales und grenzenlos gelebtes Vertrauen auf Gottes Zuwendung in allem, was wir zum Leben brauchen, „beweist“ er den Zeitgenossen die Wahrheit seiner Botschaft. Vor alles, was „der Welt“ (und ehrlicherweise auch uns!) in der Regel unaufgebbar und absolut lebensnotwendig erscheint, setzt er den Vater im Himmel. So wie Theresa von Avila es formuliert: „Wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt.“

Nun wenden wir schnell ein, dass das damals und unter den Bedingungen jener Zeit viel einfacher war; dass unsere Lebenswelt viel zu komplex und kompliziert ist, um dasselbe zu tun. Wir müssen diesen Text also ins Heute hineininterpretieren. Und damit elegant abschwächen, damit er lebbar wird. In Wahrheit meinen wir: erträglicher und bequemer. 

Wenn Jesus selbst all das konsequent gelebt und von den Schülern damals dasselbe verlangt hat: Wieso soll das heute nicht mehr gelten? Die Welt mit ihren Bedingungen war und ist zu allen Zeiten komplex. Deshalb behält die Bedingung Jesu ihre Gültigkeit: Wer sein Jünger sein will, wer sich als Christ bezeichnet, muss genauso radikal leben wie er und die Schüler damals! Nur durch diese konträre Lebensweise stolpern die jeweiligen Zeitgenossen über Gott mitten in einer Welt, die ihn nicht kennt.

Natürlich erfährt diese Nachfolge zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Ausprägungen. Gott hat schon damals die Konsequenzen bei den Jüngern unterschiedlich eingefordert. Nie im Ganzen, wie bei Jesus. Nicht alle wurden Märtyrer. Nicht alle heimatlose Wanderprediger; nicht von allen wurde der völlige Verzicht auf Besitz oder die Ehe gefordert. Doch die grundsätzliche Bereitschaft zu all dem, wenn es die Umstände fordern und Gott dazu ruft, sind unaufgebbare Bedingung eines Lebens als Christ! Paulus beschreibt diese radikale Haltung, Gott vertrauensvoll immer die erste Stelle einzuräumen und sich von der Welt nicht fesseln zu lassen, so: „Daher soll, wer eine Frau hat, sich so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht.“ (1 Kor 7,29ff.). 

Dabei kommt keiner zu kurz, wie wir doch so sehr fürchten. Wer zu dieser radikalen Haltung bereit ist, alles loszulassen, dem verspricht Jesus in dieser Zeit ein Vielfaches davon und in der kommenden Welt das ewige Leben. Die Frage ist nur: Glauben wir ihm d

 

 


23.05.2012
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