Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Mut zum offenen Bekenntnis

Schwester Maria Andrea Stratmann SMMP, Bergkloster, 59909 Bestwig

Jesus erlebte Verfolgung, also kann auch ein Christenleben nicht nur gute Zeiten kennen. Aber alle menschlichen Verletzungen können jene Seele nicht zerstören, die sich in Gott geborgen weiß. So deutet Schwester M. Andrea Stratmann, Theologin und Lehrerin, die Rede Jesu im Evangelium des 12. Sonntags im Jahreskreis.
Klingt das nicht wie eine Drohung: „Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird“ (Vers 26)? Wird denn alle Welt einmal sehen, was ich alles falsch gemacht habe in meinem Leben? In früheren Zeiten mag mancher das als Schreckensbild vor Augen gehabt haben, sodass der Glaube eher angstbesetzt als frohmachend war. Die Aufforderung, sich nicht vor Menschen, sondern vor Gott zu fürchten, könnte eine solch negative Sicht noch verstärkt haben.
Im Rahmen seiner Aussendungsrede stellt der Evangelist Matthäus verschiedene Worte Jesu an die Jünger zusammen, die ihnen helfen sollen im Einsatz für die Verkündigung des Evangeliums. Warum sollte Jesus dazu auffordern, jede Menschenfurcht zu überwinden, wenn nicht deshalb, weil es Grund gibt, sich zu fürchten? Matthäus weiß, was seine Gemeinde erlebt: Verfolgung, Anklage, Verleumdung und Hass. Man wird die Boten der Frohbotschaft nicht überall freudig aufnehmen. Das hat Jesus genauso erlebt – und er hat an seiner Sendung festgehalten bis zu seinem Tod.
Da kann es sich nicht um billige Durchhalteparolen handeln, wenn Jesus die Jünger auffordert: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können.“ (Vers 28). Denn das heißt doch im Klartext: Ein ähnliches Schicksal, wie es Jesus erlebt hat, kann auch auf euch warten. Wer will sich dann noch im Dienst des Evangeliums engagieren? Ablösung der Menschenfurcht durch Gottesfurcht, soll das besser sein? Ganz sicher will Jesus nicht mit Gott drohen. Vielmehr will er den Vater als den verkünden, der sogar für die Spatzen sorgt, erst recht aber für die Menschen. Fürsorge für Spatzen und Sorge um die Haare auf unserem Kopf, das sollen Beispiele sein für die unendlich liebevolle Fürsorge des himmlischen Vaters für jeden Menschen.
Weder Beschönigung möglicher Gefahren noch ein Leben in ständiger Angst vor dem, was passieren kann, helfen hier weiter. Trotz aller möglichen Bedrängnisse gibt es ein mutiges „Dennoch“, das aus dem Vertrauen auf Gottes sorgende Liebe lebt. Deshalb gilt: „Fürchtet euch also nicht!“ (Vers 31). Die Gottesfurcht als Ehrfurcht vor Gott befreit vom Kreisen um Ängste vor Menschen. Wo sich die Jüngerinnen Jesu vertrauensvoll in Gottes Hand geben, kann menschliche Bosheit sie zwar äußerlich verletzen, aber letztlich nicht abbringen von ihrem in Gott begründeten Lebensziel. Im Hintergrund steht die Gewissheit eines neuen Lebens, das aus der Auferstehung Jesu erwächst und dem Zugriff des Bösen entzogen ist.
Nun fürchten wir uns weniger vor Verfolgung aufgrund unseres Glaubens. Eher macht uns der allgemeine Glaubensschwund zu schaffen. Vielleicht werden wir belächelt, weil wir es angeblich immer noch nicht kapieren, dass Glaube und Kirche von gestern sind, für aufgeklärte Menschen längst überholt. Es macht auch Glaubenden zu schaffen, dass Gott scheinbar ohnmächtig ist angesichts des vielen Leides in der Welt, dass er nicht eingreift, wenn Menschen ihre Freiheit zum Bösen missbrauchen. Manchmal hilft ein Perspektivenwechsel: Was wäre, wenn wir all das streichen würden, was glaubende Menschen in unsere Welt einbringen?
An die Aufforderung zur Furchtlosigkeit schließt sich ein Wort an, das über Zeit und Raum hinaus auf eine Situation am Ende der Zeiten schaut. Wie wichtig müssen wir Menschen für ihn sein und für seinen Vater, dass Jesus unser Bekenntnis zu ihm hier im Leben so ernst nimmt, dass er sein eigenes Bekenntnis zu uns vor seinem Vater daran bindet: „Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen“ (Vers 32). Wer könnte da bestehen, wenn Jesus ihn verleugnete?
Zu furchtlosem Bekenntnis will dieses Evangelium alle ermutigen, denen das Wort der Frohbotschaft noch etwas gilt, die erkannt haben, dass sie in der Nachfolge Jesu Christi wahrhaft frei werden von falschen Rücksichtnahmen, Ängstlichkeiten und Sorgen um Leib und Leben. Nicht um Höllenangst, um Vertrauen geht es, weil wir schon hier und jetzt wissen, dass Jesus zu uns steht. Er hat sich ein für allemal für uns entschieden. Offen ist nur, ob auch wir uns für ihn entscheiden – auch in den manchmal so unübersichtlichen Situationen des Alltags.
Schwester Maria
Andrea Stratmann SMMP,
Bergkloster, 59909 Bestwig



23.05.2012
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