Gedanken zum Evangelium
Mit unseren Talenten wuchern
Gott schenkt uns unterschiedliche Gaben und Begabungen, damit wir sie zum Aufbau seines Reiches einsetzen.
von Elsbeth Bihler
Die Texte des 33. Sonntags – empfinden wir sie wirklich als „Frohe Botschaft?“ Das Frauenbild der ersten Lesung ist uns fremd. In der zweiten Lesung ist von Wachsamkeit und Nüchternheit die Rede, die notwendig sind, damit wir nicht vom Kommen des Herrn überrascht werden. Dieses Kommen des Herrn scheint auch nicht gerade ein Highlight zu sein; denn er kommt überraschend und am Ende sind wir nicht vorbereitet, – Verderben ist die Folge.
Und dann das Evangelium? Man könnte meinen, dass dieser Herr der modernen Leistungsgesellschaft entstammt, in der nur der etwas zählt, der Leistung bringt, mehr erwirtschaftet und Gewinn einfährt. Und die, die dann die Höchstleistung erbringen, bekommen noch mehr hinzugeschenkt und die, die es eben nicht bringen, gehen leer aus und werden bestraft. Und so soll es mit dem Himmelreich sein?
Auf den ersten Blick scheinen diese Texte so gar nicht dem zu entsprechen, was wir unter einem liebenden Gott und dem Leben als Christen verstehen – irgendetwas geht uns da quer. Bleiben wir beim Evangelium – da übergibt also ein Chef seinen Mitarbeitern Geld und sagt: Hier habt ihr fünf, zwei, eines der Talente – macht was draus! Er verteilt sein Geld schon unterschiedlich – vermutlich kennt er seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sehr genau. Er weiß, wem er wie viel anvertrauen kann. Und dann werden die mit den fünf und zwei Talenten kreativ und arbeiten mit dem Geld. Sie gehen ihre Aufgabe angstfrei an – und sie verdoppeln die Summe, die ihnen anvertraut wurde. Die Kurzfassung des Evangeliums verrät uns nicht, was mit dem geschieht, der nur ein Talent bekommen hat. Der hat nicht den Mut, kreativ zu wirtschaften, sondern vergräbt sein Geld, damit er es seinem Herrn bei der Wiederkunft wieder zurückgeben kann und wird dafür bestraft.
Vielleicht ist das die Botschaft des heutigen Tages: Gott hat jedem und jeder von uns das Leben anvertraut mit durchaus unterschiedlichen Gaben und Begabungen. „Mach was draus!“ sagt er uns. Das sind die Pfunde, mit denen du wirtschaften kannst. Und es kommt am Ende nicht darauf an, wer mehr oder weniger geleistet hat, sondern darauf, dass jeder nach seinem Vermögen am Reich Gottes mitgewirkt hat. Nur der wird ausgeschlossen, der nichts aus dem macht, was Gott ihm geschenkt hat.
Ängstliches Bewahren entspricht nicht dem Willen Gottes – ich denke, das gilt nicht nur für einzelne, sondern auch für unsere Kirche als Gesamtheit.
Wenn der Geist Gottes im Zweiten Vatikanischen Konzil gewirkt hat – und davon gehen wir ja aus – dann sind wir dazu aufgerufen, die Fenster und Türen weit aufzumachen in die Welt, in das Heute hinein und uns nicht ängstlich an das zu klammern, was immer schon war. Sich den Herausforderungen der heutigen Zeit stellen, den Willen Gottes in ihr zu suchen und aufzuspüren, den Menschen die Güte und Liebe Gottes weiterzugeben, das ist unsere Aufgabe als Kirche in der Welt von heute! Mag sein, dass es immer weniger werden, die sich da miteinander auf dem Weg fühlen. Mag sein, dass viele in der Kirche sich lieber an das klammern, was immer schon war; oder gar wieder in die Zeit vor dem Konzil zurückfallen.
Ich habe alte Menschen gefragt, was sie in ihrer Lebenszeit in der Kirche als heilsam erfahren haben. Die Antwort war: Dass wir mit dem Konzil den Gottesdienst in unserer Sprache feiern durften; dass wir verstehen konnten, welches Geschenk uns Gott da wirklich gemacht hat und dass wir endlich etwas mitgestalten durften.
So hoffe ich, dass wir weiterhin die Fenster und Türen unserer Kirche weit aufmachen, der Vielfalt Raum geben und miteinander am Reich Gottes in dieser Welt bauen.







