Neues Buch macht das Alltagsleben im Siegerland des 19. Jahrhunderts nachvollziehbar
Mit starkem Glauben

- Die Erinnerungen, die Schulmeister Wilhelm Kühn vor 150 Jahren niederschrieb, stehen im Mittelpunkt des neuen Buches von Ferdinand Lutz. Im Beisein von drei Ururenkelinnen des Schulmeisters stellte er die Neuerscheinung vor (v. l.): Doris Bertelmann, geb. Kühn, Inge Weber, geb. Kühn und Ruth Kühn.Foto: Mütherig
Netphen-Dreis-Tiefenbach (jon). Anschaulich haben sie aus ihrem Leben im 19. Jahrhundert berichtet: Vater, Sohn und Enkel der Familie Kühn. Allesamt beschrieben sie ihr Leben in den Dörfern des Siegerlandes. Ein wahrer Schatz, den Ferdinand Lutz aus Dreis-Tiefenbach gehoben hat und jedem zugänglich macht in Form des Buches „Dorf- und Schulerlebnisse im Siegerland“.
von Juliane Mütherig
Zuerst stand das Interesse an dem Schulmeister Wilhelm Kühn im Vordergrund. Doch je mehr der Heimatforscher und engagierte Katholik Ferdinand Lutz sich mit dem Schulmeister befasste, umso interessanter wurde es. Dabei wollte er eigentlich gar kein Buch schreiben. „Ich bin da hinein geschliddert und kam nicht mehr heraus“, erzählt er. Ferdinand Lutz, dessen Bruder Gregor im brasilianischen Sao Paulo seit vielen Jahren als Pater eine Pfarrei betreut, war Feuer und Flamme – vor allem, als er herausfand, dass auch Sohn und Enkel von Wilhelm Kühn Lebensbeschreibungen hinterlassen haben.
Heraus kam eine Reise durch drei Generationen Kühn: Wilhelm, Sohn Rudolf und Enkel Fritz, die auch das Leben in den Siegerländer Dörfern Dreisbach, Bürbach, Nauholz und Beienbach, Langenholdinghausen, Hilchenbach und Marienborn beschreiben.
Vor eineinhalb Jahren stieß Ferdinand Lutz vom Heimatverein „Alte Burg“ Dreis-Tiefenbach auf die Lebenserinnerungen, die Schulmeister Wilhelm Kühn vor genau 150 Jahren verfasst hatte. Diese Selbstbiografie fand Lutz so interessant, dass er weitere Nachforschungen anstellte. Seine Recherchen ergaben, dass auch der jüngste Sohn Rudolf und ebenso der Enkel Fritz Lebensbeschreibungen verfasst hatten. Fritz Kühn, beschreibt in seiner Jugendbiografie eingehend seine Erlebnisse in Schule und Dorf, in der Landwirtschaft und in der Freizeit. Das war für Lutz Grund genug, aus diesen Zeitzeugnissen ein Buch zusammenzustellen, das im Wesentlichen die Biografien selbst erzählen lässt. „Wach gemacht“ durch Lutz Nachforschungen wurden auch drei Ururenkelinnen des Schulmeisters. Interessiert und dankbar verfolgten sie die Recherchen. Ruth Kühn, konnte zudem so manches Dokument aus dem Familienbesitz beisteuern.
Die authentischen Erzählungen aus dem 19. Jahrhundert lassen die Autoren selbst zu Wort kommen. „Hier werden nicht nur die beispielhaften, sondern ebenso die geradezu barbarischen Schulverhältnisse lebendig. Ebenso das Familienleben, die Wohnverhältnisse und das Dorfgeschehen werden ausführlich geschildert, so dass sich der Leser in das 19. Jahrhundert zurück versetzt fühlt“, erzählt Lutz und gibt bei der Vorstellung seines Werkes in der Katholischen Öffentlichen Bücherei in Dreis-Tiefenbach einige Kostproben der Autobiografie von Wilhelm Kühn, einem „gewitzten Burschen“, wie Lutz sagt. Gespannt hängen die Besucher an den Lippen von Ferdinand Lutz, und folgen den Beschreibungen der Leiden und Freuden des Schulmeisters. Sie tauchen ein in die Welt des Schreibers und erleben ein Stück Vergangenheit in einem Siegerländer Dorf, in der „Universität Nauholz“, in der Geschichte vom „Bienenkönig von Langenholdinghausen“, in der „Musenstadt Hilchenbach“ oder in Marienborn, dem damaligen „Krönchen des Siegerlandes“.
„Wir erfahren, was unsere Siegerländer Vorfahren damals erlebt haben, was sie bewegt und bedrängt, gar in Existenznöte gebracht hat, die sie oft nur mit starkem Glauben und Gottvertrauen überwinden konnten, und was sie erfreut hat“, beschreibt Ferdinand Lutz. Der Herausgeber, vor kurzem 70 geworden, verweist auf den Schreibstil der damaligen Zeit, auf manch ungewöhnliche Redewendungen und Begriffe, interessant vor allem für die Leser, die den Siegerländer Dialekt noch beherrschen. „Da mag manches befremdlich sein, es macht aber die Berichte originaler und authentischer“, so Lutz.






