Aktuelle Ausgabe
2012-20

Wie Freunde helfen können, geheilt zu werden

„Mit dem Lächeln knipste er das Tageslicht an“

Alleine geht da nichts mehr, das wissen auch Stefan Kulle (kleines Foto oben) und Brigitte Heber (unten)Fotos:Wodicka/mdr/Evers

Frankfurt. Drei Monate nach dem Autounfall, nach einer komplizierten und risikoreichen Operation, nach Hoffen und Bangen, stand die Diagnose fest: Der 23-jährige Stephan Kulle hatte eine Querschnittslähmung zwischen viertem und siebtem Halswirbel. Überbringer der Nachricht waren nicht die Ärzte, sondern sein bester Freund Philipp. Durch ihn, so hofften sie, käme die Hiobsbotschaft für den damaligen Studenten gemildert über. „Jeden Tag hatte Philipp mich seit dem Unfall besucht und drei bis fünf Stunden an meinem Bett gesessen,“ erinnert sich Kulle, heute TV-Moderator, an seine Monate unbeweglich im Krankenbett. Wie wichtig sind Freunde, wenn man schwer erkrankt ist? Sind das diejenigen, die, wie die Männer der Bibel, keinen Stein auf dem anderen lassen, um den Gelähmten zu Jesus zu bringen, damit er gesund wird?
von Ulla Evers

Stephan Kulle hat so einen Freund. Der Journalist ist heute 42 Jahre alt und spricht über den Riss in seinem Körper und seinem Leben, vor bald 20 Jahren. Er kann längst wieder gehen, hat sein Theologiestudium abgeschlossen und ist ein gefragter TV-Moderator. Der jungenhaft, freundlich wirkende Mann lächelt, mit Augen, Mund und Stimme. Er lächelt, so wie sein Freund Philipp gelächelt haben muss, als er ihn damals täglich am Krankenbett besuchte. Kulle erinnert sich: „Seine ganze Haltung signalisierte Zuversicht. Und mit seinem Lächeln knipste er das Tageslicht an, wenn er in mein Zimmer kam.“ Er fühlte sich von seinem Freund getragen. Stellvertretend habe der für ihn gehofft, dass es eines Tages wieder bergauf geht. Als Gelähmter brauchte er dieses positive Signal einfach nur anzunehmen, mehr nicht. Mit Sätzen anderer Freunde, wie „Kopf hoch!“ oder „Wird schon!“ hätte er nichts anfangen können, die klangen in seiner Situation eher zynisch. Viel wichtiger sei ein Satz von Philipp gewesen, der sich bei ihm eingebrannt habe: „Du musst es nicht allein schaffen.“ Mehr nicht, keine Deutung, keine Ausführung, allein dieser Satz stand zwischen ihnen beiden.
Mittlerweile weiß der Journalist, wie oft Philipp Angst gehabt hat, ihn zu besuchen. Und er bringt dessen Einsatz in Verbindung mit der biblischen Geschichte an diesem Sonntag. „Der Aufwand der Männer, um den Gelähmten zu Jesus zu bringen, ist beachtenswert. Im Nachhinein hat mir Philipp gesagt, dass er nicht weiß, was gewesen wäre, wenn er nur geahnt hätte, wie lange das dauert.“ Die stundenlangen täglichen Besuche dauerten über ein halbes Jahr. Kein plötzliches Wunder geschah. „Aber“, so resümiert Kulle, „Philipp hat mir mit seiner zuversichtlichen Haltung und seinem Lächeln den Startschuss gegeben, zu kämpfen.“ Monatelang lag er ans Bett gefesselt, jahrelang saß er im Rollstuhl. Ärztliche Behandlung, Reha, Therapien, harte Arbeit, Willenskraft, Geduld und Entschlossenheit brachten Stephan Kulle schließlich wieder auf die Beine. Nach über einem halben Jahr intensiven Krankenbesuchen hingegen war Philipp zusammengebrochen. Er konnte nicht mehr. Nachdenklich fügt Kulle hinzu: „Das war für mich auch nachvollziehbar. Er zog sich zurück und hat sich dann geschämt für seine Schwäche. Mir ging es schon besser und ich konnte damit umgehen.“ Heute seien sie Freunde, die wissen, was sie aneinander haben.
Der angehende Theologe Kulle hatte damals schon große Angst, sein Umfeld zu verlieren. Eine Freundin habe das deutlich formuliert. Er wäre jetzt nicht mehr der, den sie kennen gelernt habe. Sie könne mit seiner Krankheit nicht umgehen. Klar, eindeutig und schmerzhaft. Aber so eine Reaktion sei die Ausnahme gewesen. „Ich habe immer signalisiert, ich will gesund werden und habe keine schwarzen Wolken an den Himmel gemalt“, erklärt sich der heute recht prominente Moderator, warum Besuch gerne zu ihm kam.
Positiv denken, das ist eine Brücke zwischen dem Kranken und seinen Freunden. Diese Erfahrung macht auch Brigitte Heber. Sie ist 58 Jahre alt, technische Zeichnerin und aus jedem Knopfloch blitzt bei ihr das Leben. Vor fünf Monaten hieß es: Sie haben Darmkrebs. „Als ich einer Freundin davon erzählte, kam erstmal ein mitleidiges „Ohhhh“,“ erzählt sie. „Lass das mit dem Mitleid, ich brauche jetzt deine Stärke, habe ich ihr gesagt.“ Nach der großen Bauchoperation ging die Endfünfzigerin selbstbewusst auf ihren Freundeskreis zu. Im Krankenhaus habe sie keinen Besuch gewollt. Aber zwei Tage nach ihrer Entlassung lud sie alle zum Kaffeetrinken bei sich zu Hause ein. Brigitte Heber lächelt, als sie davon erzählt. Kuchen und Kaffee, alle bei ihr am Tisch. Da habe sie erstmal die Fakten offen gelegt. So sachlich und ausführlich, wie die Mediziner es ihr erklärt haben. „Das hat viel Anspannung von uns genommen. Es muss dann nicht immer wieder drüber geredet werden“, stellt sie fest. Eine Stunde wollten die rücksichtsvollen Freunde bleiben. Es wurden zwei. Für Brigitte Heber eine wichtige Erfahrung. Der Bann der beängstigenden Phantasien war gebrochen. Sie möchte, dass die Freunde einfach einen ganz normalen Alltag mit ihr leben. Mittlerweile steckt sie mitten in einer aufwendigen Chemotherapie. Die Endfünfzigerin weiß: „Ich kann jederzeit um Hilfe bitten, aber die Freunde wissen auch, dass sie mich nicht betüdeln sollen.“ Der normalen Alltag, den die Freunde mit ihr leben und die Feiern, zu denen sie eingeladen ist, zu denen sie geht, so weit die Kräfte es zulassen, seien für sie der Garant für die Zukunft: Es wird alles gut. Auch wenn Brigitte Heber eine starke, eigenständige Persönlichkeit ist: „Ohne Freunde kann ich mir nicht vorstellen, meine Krankheit zu bestehen.“
Bei Stephan Kulle und Brigitte Heber wird deutlich: Freunde allein vollbringen keine Wunder. Doch wenn sie so fest zu einem stehen, dass sie sogar Dachbalken anheben wollen, dann können sie das Wunder, geheilt zu werden, möglich machen.


23.05.2012
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