Verena Bentele peilt mit ihrem Begleitläufer Thomas Friedrich paralympisches Gold an
Mit blindem Vertrauen zum Sieg
Blindes Vertrauen – für die siebenfache Paralympics-Siegerin Verena Bentele und ihren sehenden Begleitläufer Thomas Friedrich sind das mehr als schöne Worte. Nach einem dramatischen Wettkampfunfall im Januar 2009, bei dem die blinde Skilangläuferin durch ein Missverständnis orientierungslos einen Abhang hinunterraste und stürzte, stand sie vor dem sportlichen Aus. Schwerverletzt musste die Münchnerin mehrere Monate pausieren; das Vertrauen in den früheren Begleitläufer war dahin. Mit Thomas Friedrich will die 28-Jährige bei ihren vierten Paralympics, die gerade in Vancouver begonnen haben und noch bis zum 21. März dauern, wieder durchstarten.
von Angelika Prauß und Judith Bornemann
Die Langlaufloipe strahlt im gleißenden Sonnenlicht, keine Wolke trübt den stahlblauen Vormittagshimmel. Leise rauschend gleiten die schmalen Langlaufski über den Schnee. „Langsamer! Uuunnd – Stopp!“, ruft der vordere Läufer. Verena Bentele bremst ihre Ski routiniert am Ende der Loipe ab, kurz hinter Thomas Friedrich. 23,8 Kilometer haben die blinde Biathletin und ihr sehender Begleitläufer an diesem Vormittag hinter sich gebracht.
Die junge blonde Sportlerin im hautengen Sportdress schnallt die Ski ab und lacht. „Ist das nicht ein herrliches Wetter heute?“ Sie dreht ihr Gesicht der Sonne zu, Schweißperlen glänzen auf ihrer Stirn. Die von Geburt an blinde Frau strahlt. „Ich habe zwar nichts von der tollen Landschaft hier, aber ich spüre die Sonne auf meinem Gesicht und meinem Rücken. Die Leute hier sind alle entspannt. Die Luft fühlt sich angenehm an und riecht so frisch.“ Am Nachmittag wird sie den Sonnenschein noch einmal eineinhalb Stunden genießen dürfen. Denn die 28-jährige Biathletin ist mitten in der Vorbereitung auf die Paralympics.
Eigentlich hat die weltbeste unter den Biathletinnen mit Handicap schon jetzt alles erreicht: Bereits siebenmal brachte sie die Goldmedaille von den Paralympics mit nach Hause. Im japanischen Nagano gewann sie 1998 bei den Spielen für Sportler mit Handicap ihr erstes Gold. Unzählige weitere WM-, EM- und Weltcup-Siege schlossen sich an.
In ihren Disziplinen, dem klassischen Langlauf und dem Biathlon, ist sie unbestritten die Beste. Immer mit dabei ist ihr Begleitläufer. Der ersetzt Verena Bentele das Augenlicht. Alle drei Sekunden ruft der vor ihr Fahrende Kommandos wie „Hopp“, „Links“ oder „Rechts“. Dann weiß die Sportlerin genau, was sie zu tun hat. Nur mit Hilfe dieses Lotsen kann sie sich sicher und schnell auf der Langlaufpiste fortbewegen. Er ist es auch, der sie an den Schießstand führen darf, ihr das Gewehr reicht, mit dem sie aus zehn Meter Entfernung liegend die Treffer erzielen muss. Das Gewehr sendet ein Infrarotsignal aus, das in ein Tonsignal umgewandelt wird; je höher der Ton beim Bewegen der Waffe, desto größer die Wahrscheinlichkeit auf einen Treffer. „Nerven und Köpfchen muss man da gut im Griff haben“, schildert die Sportlerin schmunzelnd.
Verena Bentele, seit ihrem 13. Lebensjahr Mitglied der Nationalmannschaft, ist normalerweise die Ruhe in Person – konzentriert darauf, Höchstleistungen zu bringen. Bis zum 10. Januar 2009 tat sie das auch immer. Dann aber wurde alles anders. Bei den Deutschen Meisterschaften in Nesselwang im Allgäu kam es bei einem Rennen im klassischen Langlauf zu einem folgenschweren Unfall. Die Biathletin überhörte an diesem Tag während der Fahrt ein Kommando; sie kann sich nicht daran erinnern, dass es überhaupt gegeben wurde. Sie verpasste eine Kurve, fuhr einen steilen Abhang hinunter und zog sich schwere Verletzungen zu. Neben einem Kreuzbandriss im Knie und verletzten Händen, waren die Leber und eine Niere in Mitleidenschaft gezogen. Letztere so schwer, dass sie entfernt werden musste. „Ich war danach so wütend“, erinnert sich die Sportlerin. Neben den körperlichen Verletzungen hatte auch die Seele Schaden genommen. Das Vertrauen in ihren früheren Lotsen war weg, das Gefühl der Sicherheit dahin.
Aber die Unterstützung von Familie und Freunden, von Mannschaftskollegen und vom Trainer – all das machte Bentele wieder Mut. „Mein bester Freund unternahm im Frühjahr mit mir eine Tandemtour mit dem Rad, zwei Stunden lang, hoch und runter. Ich spürte den Wind und die Geschwindigkeit wieder und dachte mir: Ich will meine Karriere mit einem schönen Erlebnis beenden.“ Ihr schönstes Erlebnis hatte sie zuletzt im November 2009 in Norwegen. Das erste Rennen nach ihrem schweren Unfall – und wieder stand die strahlende Blondine mit den grasgrünen Augen ganz oben auf dem Treppchen.
Verena Bentele ist darum bemüht, den Behindertensport stärker zu etablieren. Daran mangele es in Deutschland noch, bekräftigt sie. In Ländern wie Kanada, Norwegen oder Schweden hätten Menschen mit Behinderung eine viel stärkere Lobby, dort sei ein Handicap nichts Ungewöhnliches.
In Deutschland werde es Behinderten dagegen noch immer schwer gemacht. „In anderen Ländern hat man ein völlig anderes Bild von Behinderten, sie sind stärker Teil der Gesellschaft und erfahren mehr Wertschätzung.“ Dennoch gebe es auch etwas Positives in der Entwicklung: „Die Paralympics sind mehr und mehr in den Medien vertreten, inzwischen sind viele Länder mit ihren behinderten Topathleten dabei. Immer mehr Leute begeistern sich für den Spitzensport, den auch wir ihnen bieten.“ Dafür trainieren die Sportler hart. Auch heute.

- Auch wenn Verena Bentele schon alles erreicht hat, möchte sie in Vancouver auch wieder „aufs Treppchen“.






