Eine Frau mit solch einem Gesicht ...
Mit Narben leben und sich erinnern
„Verklärter Leib, o sei gegrüßt“ – das ist ein gern gesungenes Lied in der Osterzeit. Aber so verklärt ist der Leib nicht; er ist nicht wieder heil ohne Striemen. Die Evangelisten erzählen es: „Er zeigte ihnen seine Hände und Füße.“ Die Narben der Nägel waren noch da. Auch nach der Auferstehung lebt Jesus mit den Wunden, die das Leben schlug.#
von Susanne Haverkamp
Petra Krause-Wloch muss das auch. Ihre linke Gesichtshälfte ist von Narben gezeichnet, das Ohr, die Nase, die Hände, der linke Arm. Es sind Brandwunden, die vernarbt sind, aber für immer sichtbar bleiben. Mit ihnen muss die frühere Krankenschwester leben.
Es war am 27. November 1991. Petra Krause-Wloch fuhr zum Nachtdienst ins Krankenhaus. Nicht weit von Zuhause entfernt geschah der Unfall. So einer, der in allen Zeitungen steht. So einer, wo man sich im Blick auf das Foto vom Unfallauto fragt: Wie kommt da jemand lebend raus? Petra Krause-Wloch weiß es auch nicht. „Die Retter sagen, ich muss irgendwie selbst aus dem Auto gekrabbelt sein, als es Feuer fing. In solchen Situationen mobilisiert man ja Kräfte, die eigentlich gar nicht möglich sind.“ Die Flammen erreichten die 37-Jährige trotzdem. 22 Prozent der Haut waren von Verbrennungen dritten Grades zerstört. Dazu kamen ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, eine Rauchvergiftung und eine komplizierte Lungenverletzung. Drei Tage ging es auf Leben und Tod. Die Verletzte bekam nichts mit: Wochenlang wurde sie in einer Spezialklinik in Duisburg im künstlichen Koma gehalten. Dann wachte sie auf. War es wie eine „Auferstehung“? „Es hat was davon“, sagt die Frau, die in einem Dorf in der Nähe von Hameln wohnt. „Aber ich nenne es eher Wiedergeburt.“
Das Leben hatte sie wieder – aber wie? „Ich ließ mir im Krankenhaus bald einen Spiegel geben und dachte: Mist, das konnte ja nicht anders aussehen!“ Früher hatte sie selbst Brandverletzte gepflegt, da war der Schock nicht allzu groß. „Mein erster Gedanke war: Hoffentlich kann ich meinen Mann halten: eine Frau mit so einem Gesicht...“ Petra Krause-Wloch versteckte ihre Narben nie. „Man kann mit Camouflage viel abdecken, aber dann sieht das Gesicht aus wie eine Maske – das ist nicht mein Ding.“ Stattdessen ließ sie sich mit ihren Narben bei Freunden und Bekannten blicken, fuhr mit ihrem Mann in Urlaub, probierte aus „was noch geht“. Als sie gerade aus dem Krankenhaus entlassen war, gab es in ihrem Dorf ein großes Fest. Sie ging hin. „Hurra, ich lebe noch!“, rief sie den anderen zu. „Ich habe die Menschen mit mir konfrontiert“, sagt sie – so ähnlich wie Jesus, der auch seine kaum verheilten Narben vorzeigte: Ich bin es! Ich lebe wieder!
Mit Narben leben – das ist nicht leicht. Einmal, weil sie rein äußerlich entstellen. Aber auch, weil die Narben jeden Tag an das Unglück erinnern. „Die Hälfte der Betroffenen leidet sich durchs weitere Leben“, sagt Petra Krause-Wloch. „Von der anderen Hälfte versuchen es zwei Drittel mit der Methode: Schwamm drüber.“ Sie verdecken mit Kleidung und Schminke, was zu verdecken ist, sie gehen nicht zum Strand oder ins Schwimmbad. Bloß nicht daran erinnert werden. Nur das letzte Drittel von der zweiten Hälfte der Betroffenen, sagt Petra Krause-Wloch, „das betrachtet das Leben positiv, versucht das eigene Schicksal in das weitere Leben zu integrieren und es zu verarbeiten.“ Das ist eine lebenslange Aufgabe.
„Jesus lässt Thomas seine Narben berühren – das ist mir immer schwer gefallen, dass ein anderer meine Narben anfasst“, bekennt die Brandverletzte, die inzwischen verwitwet ist. Und auch die seelischen Narben bleiben für immer. „Manchmal fange ich ganz plötzlich an zu heulen; das kann ich nicht steuern.“ Es ist eben so: Das, was man im Leben erlebt hat, ist nicht irgendwann einfach weg. Es prägt sich ein in die Seele. Und auch nach der Auferstehung, wird sie Teil von uns bleiben, unsere Geschichte mit allen sichtbaren und unsichtbaren Narben, die das Leben schlug.
Narben können aber auch daran erinnern, dass mit ihnen etwas Neues begann. Bei Jesus war es das neue Leben nach der Auferstehung. Aber auch für Petra Krause-Wloch begann „dank“ ihrer Narben ein neues Leben. „Zuerst hat mein Krankenhaus-Arbeitgeber sich ziemlich unschön von mir verabschiedet“, erzählt sie. „Mit dem Gesicht können wir Sie doch nicht mehr auf Patienten loslassen, hieß es!“ Die Krankenschwester machte aus der Not eine Tugend. Sie studierte, ist heute Diplom-Pflegewirtin und arbeitet als Dozentin für Pflegeschüler. Außerdem gründete sie die Selbsthilfegruppe „Brandverletzte leben“, berät Betroffene, leitet Seminare und hat ein Buch zum Thema herausgegeben.
„Ich wollte als Kind immer studieren und ein Buch schreiben“, sagt sie. „Nur durch den Unfall hat sich das ergeben.“ Genauso wie sie schon immer unterrichten und beraten wollte. „Ich glaube, dass jeder von uns im Leben eine Aufgabe zu erfüllen hat, und wenn wir vom Weg abkommen, dann bekommen wir einen Schubs in die richtige Richtung.“ Das kann man auch auf Jesus übertragen. Seine „Aufgabe“ war es, den Erlösertod am Kreuz zu sterben. „Musste nicht der Messias all das erleiden?“, fragt der Auferstandene die Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Die Narben Jesu, die auf Bildern immer strahlend dargestellt sind, werden daran für immer erinnern. Manche unserer inneren und äußeren Narben können das auch. Wenn wir sie nicht verdecken.
Infos:
www.brandverletzte-leben.de







