Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der Begriff der Würde aus der Sicht eines katholischen Moraltheologen

Menschlichkeit des Menschen respektieren

Prof. Dr. Konrad Hilpert wurde 1947 geboren, er absolvierte ein Studium der Philosophie, katholischen Theologie und Germanistik. Seit 2001 ist er Lehrstuhlinhaber für Moraltheologie an der Ludwig-Maximilian-Universität in München.

In seinem Gastbeitrag beleuchtet der Münchner Moraltheologe Professor Dr. Konrad Hilpert den Begriff der Würde aus theoligischer Sicht – mit Blick auf die biblischen Grundlagen und die Konsequenzen daraus für die Kirchen heute.

von Prof. Dr. Konrad Hilpert

Für den christlichen Glauben ist die Rede von der Würde des Menschen Ausdruck und Zusammenfassung der grundlegenden Aussagen über den Menschen und seine Lage in der Welt: dass er Geschöpf ist, also sich immer schon als gegeben vorfindet und bejaht ist, bevor er sich selbst oder andere ihm einen Sinn zuschreiben; dass er ein Wesen der Verantwortung ist; dass er jemand ist, der durch und durch auf Beziehung angewiesen ist; dass die Gottebenbildlichkeit jedem Menschen zukommt.
Auch Weihnachten hat mit Menschenwürde zu tun, insofern Jesus aus der Sicht des Glaubens nicht nur irgendeine Person der Geschichte ist, sondern gerade der Mensch, in dem Gott selbst die Menschheit angenommen und das durch Sünde beschädigte Ebenbild wieder hergestellt hat.
So feierlich von der Würde des Menschen zu sprechen, ist nicht nur eine Aussage darüber, wer und was der Mensch eigentlich ist, sondern beinhaltet auch einen Auftrag zum Handeln und zum Gestalten: Das Handeln soll der eigenen Ehrenstellung in der Schöpfung und derjenigen der Partner dieses Handelns entsprechen. In der Ethik Jesu wird dieser Auftrag, Gott ähnlich zu werden, im Gebot der Nächsten- und der Feindesliebe, an anderen Stellen durch die Goldene Regel zu lebensnahen Regeln zusammengefasst, anderswo wieder in Gestalt von Gleichnissen entfaltet. In den Schriften mancher Kirchenväter wird die Teilhabe an der Würde ausdrücklich als Aufforderung gedeutet, schon in diesem Leben Christus, das wahre Ebenbild Gottes, nachzuahmen und ihm durch ein tugendgemäßes Leben ähnlich zu werden. Ferner sollen die alltägliche Lebenswelt und das Zusammenleben so gestaltet werden, dass sie das Menschliche des Menschen, seine Würde also, zu respektieren erlauben und sie fördern. Das wird in der Geschichte der Theologie und des praktizierten Christentums als Überwindung sozialer Schranken, als Caritas nach innen und als Verpflichtung zur Solidarität nach außen, schließlich sogar als Verständnis der Kirche als ein Zeichen und Werkzeug des friedlichen Miteinanders der Völker expliziert.
Unter modernen Lebensverhältnissen kann diesen Forderungen nur Rechnung getragen werden durch die Etablierung struktureller und institutioneller Rahmenbedingungen, ohne die ein Leben in Würde nicht möglich ist. Gelegentlich gestaltet sich der Gestaltungsauftrag auch in der Weise, dass Grenzen gezogen werden und bestimmte Praktiken, die in der umgebenden Kultur etabliert sind, kritisiert, abgelehnt oder bekämpft werden. Sich daran zu beteiligen, dass in der Gesellschaft die Achtung der Würde immer mehr Wirklichkeit wird, ist auch eine herausragende Aufgabe der Kirche. Denn sie ist nach der Auffassung des Zweiten Vatikanums nicht einfach das Andere der Gesellschaft, sondern eine „Weggefährtin“ der Gesellschaft auf ihrem Gang durch die Zeit.
Deshalb beteiligt die Kirche sich ja an der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung, engagiert sich in Erziehung und Bildung, betreibt karitative Einrichtungen vor Ort und unterhält Hilfswerke und kleine Solidaraktionen in weltweiten Dimensionen. Alle diese Aktivitäten wollen Einsicht schaffen und durch das Beispiel und Vorbild aufrütteln. Sich mit besserwisserischem Belehren, Anklagen und Fordern zu begnügen – das wäre angesichts der Schwierigkeiten, die bestehen, und angesichts des Versagens, das es auch in der Kirche immer wieder gegeben hat und gibt, zu billig. Es gibt noch eine andere Versuchung, es sich zu einfach zu machen, nämlich bei allem und jedem Problem auf die Menschenwürde zu pochen, so als sei diese die allfähige Patentformel, die jede weitere Argumentation überflüssig macht. Sachkenntnis und das Wissen um die Umstände, Ziele und Folgen sind aber unverzichtbar, wenn in der Gesellschaft Fragen auftauchen und Lösungen umstritten sind. Das anspruchsvolle Wort „Menschenwürde“ kann sich durch übertriebenen Gebrauch abnutzen und trivial werden. Dann aber ginge gerade das verloren, was das Bekenntnis zu ihr in der Allgemeinen Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen und kurze Zeit später im Grundgesetz, das im kommenden Jahr seinen 60. Geburtstag feiert, sein wollten: nämlich eine Reaktion auf das erlebte bzw. erlittene Unrecht des totalitären NS-Staates, der sich anmaßte, alles Individuelle und Personspezifische in seine Verfügung zu bringen und sich dienstbar zu machen; Teile der Bevölkerung, die für rassisch, gesundheitsmäßig oder politisch störend definiert wurden, systematisch verächtlich zu machen; einen Krieg zu planen, der von vornherein viele Millionen Tote in Kauf genommen hat.
Das Bekenntnis zur Menschenwürde ist so gesehen nichts anderes als das in ein Zukunftsprogramm verwandelte „Nie wieder“ solcher Willkür und systematischen Demütigung – und darf gerade deshalb auch nicht verwässert werden.


23.05.2012
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