Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kommentar

Er war Amerikaner

Der US-amerikanische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama stattete Berlin einen Besuch ab und hielt an der Siegessäule vor 200 000 Zuhörern eine Rede zum trans­atlantischen Verhältnis. Nicht nur Kritiker witterten in dem Auftritt Wahlkampfstrategie, bei der Berlin – ursprünglich war das Brandenburger Tor als Veranstaltungsort vorgesehen  – als Kulisse dienen sollte. Etwaige Ähnlichen mit Besuchen früherer Präsidenten schienen beabsichtigt.

Mit dem Satz „Ich bin ein Berliner“ hatte der damalige US-Präsident John F. Kennedy 1963 vor dem Schöneberger Rathaus die Herzen der Berliner erobert. Damals war Amerika für die meisten Deutschen noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ein Land der Befreier und ein Land der Luftbrücke, zu dem sie ehrfurchtsvoll herüberblickten. Diesem Gefühl setzte der Katholik Kennedy mit seinem Satz die Krone auf.
Adressaten des jetzigen Auftritts waren sicherlich im Gegensatz zu damals nicht die Berliner, sondern die Wähler in der Heimat.
Während dem amtierenden Präsidenten George W. Bush spöttisch nachgesagt wurde, er habe gar nicht gewusst, dass es auf der anderen Seite der Erdkugel auch noch Länder gäbe, kam dem erst gerade mal Präsidentenbewerber die Berliner Kulisse als Botschaft an die Heimat sicherlich nicht ungelegen. Obama kam eben nicht als Präsident und weniger mit einer Botschaft für Europa als mit einer Botschaft für die Wähler daheim. Das bezeugt auch die Auswahl der Journalisten, die mit ihm sprechen durften. Es waren ausnahmslos Amerikaner. Deshalb wäre auch ein Satz wie „Ich bin ein Berliner“ völlig unangebracht. Barack Obama war eben Amerikaner. Und ebenso so müssen seine umjubelten Visionen verstanden werden, als jemand der für seine Heimat im Ausland auf Wahlkampfreise ist.

Gerd Vieler (51)
ist Chef vom Dienst des DOM


23.05.2012
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