Kommentar
Merkwürdiges Vorbild
von Andreas Wiedenhaus
Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig hat die Kinderbetreuung in der DDR gelobt. In einem Zeitungsinterview sagte die Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern, der Osten sei bei der Kinderbetreuung „ein Stück weiter“ gewesen als der Westen. Die große Anzahl von Kindern in staatlicher Erziehungs-Obhut als Kriterium für Fortschritt zu betrachten, zeugt von einer Sichtweise, die in ihrer Eindimensionalität dem Sachverhalt nicht einmal ansatzweise gerecht wird.
Nicht wenige Eltern zwischen Rostock und Dresden werden ihre Kinder nur der Not gehorchend in eine „Krippe“ gegeben haben – schließlich vertrauten sie es einem Erziehungssystem an, das man wohl mit Fug und Recht als „bedenklich“ bezeichnen darf. Darüber, ob alle Frauen wirklich so schnell wie möglich wieder arbeiten „wollten“, wie die Ministerin behauptet, oder ob sie dies „mussten“, könnte man streiten.
Recht hat Schwesig in einem Punkt: Es gibt Kleinkinder unter drei Jahren, für die die Betreuung in einem Kindergarten die bessere Lösung ist – schlichtweg, weil die Eltern überfordert sind. Und diese Zahl wird weiter wachsen. Vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, dass Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft entsprechende Plätze schaffen und Erzieherinnen schulen.
Das darf aber nicht dazu führen, dass Eltern die Möglichkeit genommen wird, die Art der Betreuung selbst zu bestimmen. Und eine Verunglimpfung derjenigen, die sich zu Hause um die Kleinsten kümmern, darf schon gar nicht das Ergebnis sein. Die Eltern haben zu entscheiden – ob sie das in der DDR wirklich konnten, darf man bezweifeln.






