Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

„Man sieht nur mit dem Herzen gut“

Geistlicher Rat Msgr. Andreas Kurte ist Leiter der Zentralabteilung Pastorales Personal im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn.

Jesus will auch uns von der Blindheit des Herzens befreien, damit wir tiefer und gründlicher sehen. 

von Andreas Kurte 

„Ich glaube nur das, was ich sehe“ – Dieser Ausspruch ist bekannt. Aber: was sehe ich denn? Ich sehe im Fernsehen eine primitive Lehmhütte in Afrika und denke, diese armen Menschen. Aber ich sehe nur Äußerlichkeiten. Denn der Anblick dieser Lehmhütte sagt mir nicht, wie viel Herzlichkeit und Gastfreundschaft die Menschen ausstrahlen, denen diese Hütte ein Zuhause ist. 

Ich sehe eine große Villa mit Swimmingpool – vielleicht voller Neid, aber ich sehe nicht die menschliche Kälte, die in diesem Haus herrscht. Ich sehe einen Menschen und bilde mir ein Urteil aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes. Dann weiß ich aber immer noch nicht, was für ein Mensch er ist, wie er denkt, was ihm wichtig ist. 

„Man sieht nur mit dem Herzen gut“, sagt der Dichter Antoine de Saint Exupéry. Er fordert uns auf, wegzukommen von einem oberflächlichen Sehen um hinter die Dinge zu schauen: weg von Farben und Umrissen, die uns häufig blenden, hin zu einer tieferen Dimension des Sehens, eben mit dem Herzen. Eine solche Sichtweise verändert unsere Welt.

Wer mit dem Herzen sieht, der lässt sich nicht von einem kurzen Eindruck leiten; der möchte mehr erfahren; der urteilt nicht nur nach einem äußeren Erscheinungsbild.

Im Evangelium von der Heilung eines Blinden sehe ich die Aufforderung, die Welt mit anderen Augen sehen zu lernen, eben mit dem Herzen. Jesus will uns aber auch die Augen öffnen für das Wirken Gottes in dieser Welt. Seine Heilungswunder stehen immer in einem religiösen Zusammenhang: denn Sehen führt zum Glauben ... Heutzutage fällt es vielen schwer, das Wirken Gottes in dieser Welt wahrzunehmen; bei all dem, was uns täglich an Unheil geschildert wird. Junge Leute haben mir schon oft gesagt: Deinen Gott sehe ich nicht, deinen Gott erfahre ich nicht, also brauche ich ihn auch nicht ...

Bei meinem Augenarzt in Paderborn gibt es einen Raum, die sogenannte  Sehschule. Brauchten wir Christen nicht auch so etwas wie eine Sehschule, wo das Auge geschult und geschärft wird für den richtigen Blick?

Ich sehe Gott in den einfachen Dingen dieser Welt: 

In der Begegnung mit einem Menschen, der mir ein ermutigendes Wort mit auf den Weg gibt.

In der Begegnung mit einem Menschen, der mir ein ermahnendes Wort mit auf den Weg gibt.

Ich entdecke Gott in den vielen Menschen, die sich tagtäglich um andere kümmern, die mithelfen, dass diese Welt ihr menschliches, oder müssten wir nicht besser sagen, ihr göttliches Angesicht nicht verliert.

Ich entdecke Gott im Wunder der Natur, im Aufbrechen einer Blüte, in einem Sonnenuntergang, der mich so begeistert, dass ich nur noch in einen Lobpreis einstimmen kann.

Ich entdecke Gottes Angesicht auch in meiner leidenden Schwester oder in meinem leidenden Bruder, weil ich glaube, dass Gott diese Welt nicht im Stich lässt, trotz aller Hoffnungslosigkeit, aller Gewalt und allem Hass.

Ich entdecke Gott in einem Kind, was mir sagt, dass das Leben auf dieser Welt weiter geht. Ich sehe Gott auch in vielen intensiven Formen des gemeinsamen Gebetes. Gott ist um uns herum, wie die Luft. Wenn wir genügend Sauerstoff haben, dann spüren wir sie nicht; erst wenn die Luft schlecht ist, dann merken wir, dass sie da ist.

Ermutigen wir uns als Christen immer neu, unsere Augen in der Sehschule des Glaubens zu schärfen, um die Welt mit anderen Augen, eben mit den Augen Gottes zu sehen. „Wenn du Gott erfahren willst, öffne deine Sinne“, so heißt ein Buchtitel. Darin sehe ich unsere tiefste Berufung als Christen, diese Welt so zu sehen, dass wir darin das abgrundtiefe Geheimnis Gottes schauen.

 


23.05.2012
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