Aktuelle Ausgabe
2012-20

Rietberg hat nun die einzige Freiluftorgel Deutschlands

Luftige Klänge

Ostern wird sie gesegnet: Mirko Di Giglio (l.) spielt die Freiluftorgel aus dem Hause Speith. Der Inhaber, Orgelbaumeister Ralf Müller (r.), sorgt mit dem Betätigen des Trethebels dafür, dass das Instrument über einen Schöpfbalg den benötigten Spielwind bekommt.

Rietberg. Orgeln stehen für gewöhnlich in Kirchen und Kapellen, in Konzertsälen und privaten Musikzimmern. Das traditionsreiche Rietberger Orgelbauunternehmen Speith geht jetzt neue und doch sehr alte Wege, in dem sie eine Orgel unter freiem Himmel spielbar macht. Bedeutenden Anteil an diesem Projekt hat die Landesgartenschau 2008 in der Stadt der schönen Giebel.

von Hubertus Ebbesmeyer

Ralf Müller, Inhaber von Speith-Orgelbau, erläutert, wie die Idee zur Errichtung seiner „einzigen frei stehenden Freiluftorgel Deutschlands“ zustande kam: „Während der Landesgartenschau, aber auch sonst haben zahlreiche Besucher unseren Orgelbaubetrieb besichtigt, und gerade die Älteren unter ihnen konnten sich noch gut daran erinnern, wie sie als Kind an den jeweiligen Kirchenorgeln die Bälge treten mussten, um den benötigten Spielwind zu erzeugen“. 2009 habe es dann Gespräche mit Bürgermeister André Kuper und dem Geschäftsführer der Gartenschau-Park GmbH, Peter Milsch, gegeben, wie man den Bereich „Musikzimmer“ auf dem Gartenschaugelände aufwerten könne.
„Wenn, dann richtig“, haben Ralf Müller und seine Mitarbeiter Gregor Hüllmann und Mirko Di Giglio für sich entschieden. Gesagt, geplant, getan. Herausgekommen ist eine Orgel, mit den drei klingenden Registern Bordun 8’, Principal 4’ und Octave 2’ und nicht weniger als 168 Pfeifen. Das 750 Kilogramm schwere Instrument ist mit einem Dachaufbau versehen und umfasst eine Höhe von 3,50 Metern, eine Breite von 1,80 Metern sowie eine Tiefe von 1,20 Metern. Die Klaviatur ist herausnehmbar und abschließbar.
„Alles geschieht hier mechanisch“, sagt Ralf Müller und meint sämtliche Bewegungen vom Niederdrücken der Tasten bis hin zur Windlade, die beim Betätigen einer oder mehrerer Tasten den Spielwind freigibt und in die entsprechende Pfeifen leitet.
Damit die Orgel überhaupt erklingen kann, muss sie also Wind bekommen. „Und den erzeugt eine zweite Person, die seitlich auf einen Hebel tritt und mittels eines Keilbalges Luft erzeugt, die in einem Magazinbalg zwischengespeichert wird und dann auf Abruf durch die Pfeifen strömt und diese so zum Klingen bringt“, erläutert Müller.
Die Orgel ist zu den Seiten hin mit einer starken Sicherheitsverglasung versehen. Sie schützt das Instrument gegen Regen und Feuchtigkeit, gibt dabei jedoch zugleich den Blick in das Innere frei. Müller: „Dadurch kann die Orgel Schulklassen und anderen musikinteressierten Gästen als Lernmodell dienen.“ Musikunterricht im Freien, die spontane Begleitung eines Chores und auch das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten bietet vielfältige Möglichkeiten“, zählt der Orgelbaumeister auf.
Freiluftorgeln sind keine neue Erfindung. Bereits in der Antike hat es – wenn auch bescheidene – Instrumente gegeben, mit denen beispielsweise Umzüge musikalische begleitet worden waren. Teils waren die Kleinorgel auf Festwagen montiert.
Die Freiluftorgel aus dem Hause Speith-Orgelbau – man vermutet, dass es gar die einzige weltweit sein dürfte – erhält am Ostersonntag, 4. April, um 12 Uhr durch Pfarrer Andreas Zander von der St.-Johannes-Baptist-Gemeinde ihren kirchlichen Segen. Danach wird der Organist Engelbert Schön das Instrument vorführen.
Anschließend ist die Orgel zur Besichtigung freigegeben und kann auch von den Besuchern ausprobiert und gespielt werden.


23.05.2012
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