Aktuelle Ausgabe
2012-20

Die Ursprünge des Bistums Paderborn sind eng verwoben mit den Gebeinen des heiligen Liborius

Liborius kam nicht allein

Büste des heiligen Liborius in der Kathedrale seines Heimatbistums Le Mans. Foto: Vieler

Paderborn. Landläufig wird der heilige Liborius immer als Patron des Paderborner Domes und des Bistums angesehen. Das ist jedoch nur bedingt richtig. Vor dem Manceller Bischof gab es andere Patrone des Domes wie etwa Maria und der heilige Kilian. Das zeugt von einem regen Reliquienaustausch im 9. Jahrhundert. Die Bistumsgeschichte berichtet allein über sechs Reliquientranslationen im Jahr 836, als auch die Liboriusreliquien nach Paderborn kamen. 

Um das Band zwischen den alten Teilen des fränkischen Reiches und den Neueroberungen im Sachsenland zu festigen, war der Austausch von Heiligengebeinen eine der Grundlagen. „Sie waren eine anschauliche Katechese über den Glaubensartikel von der ,communio sanctorum‘, sie schlugen auch eine reale Brücke zwischen den ehemals verfeindeten Völkern von hoher Bedeutung über den kirchlichen Rahmen hinaus. So standen sie mit Einführung entsprechender gemeinsamer Fest- und Gedenktage im Dienst der Vereinheitlichung der Liturgie und nivellierten anhand des gemeinsamen Festkalenders das Zeitgefühl zwischen West und Ost.“ So beschreiben es Hans Jürgen Brandt und Karl Hengst in ihrer Bistumsgeschichte.
Die durch die Translationen in Sachsen neu beheimateten Heiligengräber bildeten unter anderem die Kristallisationspunkte, um die sich Bischofs­kirchen, Klöster und Pfarrkirchen entwickelten. Dabei sei der Patron als himmlischer Anwalt seiner Kirche der ihm geweihten Siedlung zur Rechtsperson aufgestiegen. An seinen Reliquien wurden Verträge abgeschlossen und Eide geleistet. Fromme Stiftungen und Güterschenkungen für die Kirche oder die Gemeinde hätten der oder die Heilige persönlich entgegengenommen. Ortsname und heiliger Patron seien zum Teil austauschbar gewesen.
In besonderer Hochschätzung aber habe das „corpus inte­grum“, der ganze, noch nicht durch Reliquienteilung geminderte Leib eines heiligen Patrons gestanden, weil man sich dessen ungeteilten Schutzes auf Erde und uneingeschränkter Fürbitte im Himmel teilhaftig glaubte. „Von den sechs Reliquientranslationen des Jahres 836 dürfte es sich bei Liborius, Vitus und Landolinus um solche ganzen Heiligenleiber gehandelt haben. Bei den zusammen Liborius aus Le Mans nach Paderborn übertragenen Bischöfen Thuribius und Pacacius sowie dem Bekenner Gundanisolus dagegen dürften es lediglich um Reliquienteile gewesen sein“, heißt es in der Bistumsgeschichte weiter.
Zudem habe Karl der Große noch eine ganz besondere Reliquiengabe zur Gründung des Paderborner Domes gestiftet: „de capillis B(eatae) M(ariae) V(irginis)“, solche „von den Haaren der seligen Jungfrau Maria“. Sie waren zweifelslohne, so schreiben Brandt/Hengst, ein Geschenk Karl des Großen, der sie nachweislich in einer kostbaren Kapsel als Halsschmuck mit sich führte.
Zu den frühest literarisch verbürgten Reliquienübertragungen nach Sachen habe auch die Translation von Gebeinen des Protomärtyrers Stephanus aus Rom gehört. Papst Leo habe sie 799 persönlich bei seinem Besuch an der Pader überbracht und in der soeben fertiggestellten Kirche „von wunderbarer Größe“ (mirae magnitudinis) einen Stephanusaltar geweiht. Eine zweite Altarweihe durch den Papst zu Ehren des hl. Stephanus sei in Detmold belegt. Da der Papst offensichtlich die Vorliebe Karls für Heiltümer kannte, ist es wahrscheinlich, dass er auch noch andere Reliquien vom Tiber mit an die Pader gebracht hat, und auch später noch weitere dazugekommen sind. So ist der heilige Liborius nicht allein gekommen. Seine Erinnerung hat sich aber allein in einem so großen Fest erhalten. Gerd Vieler

Näheres über die Bedeutung des heiligen Liborius für das Bistum Paderborn in der dreibändigen Bistumsgeschichte von Hans Jürgen Brandt und Karl Hengst, ISBN 3-89710-005-3


23.05.2012
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