Die Leipziger Zentralbücherei für Blinde ist stark gefragt
Lesestoff zum Anfassen und Hören
Seit fast 200 Jahren gibt es die so genannte Brailleschrift – ein Alphabet, das blinden Menschen das Lesen ermöglicht. Produziert und verliehen werden Bücher für Sehbehinderte von der Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB).
von Markus Nowak (KNA)
Ein Punkt in der obersten Zeile links ist das A, zwei Punkte untereinander links sind ein B, und zwei Punkte in der obersten Zeile nebeneinander bilden das C: Mit der Sechs-Punkt-Schrift haben Blinde seit fast 200 Jahren ein eigenes Alphabet, das sie ertasten. Lektüre in der so genannten Brailleschrift gibt es nicht im herkömmlichen Buchhandel – sie wird von nur wenigen Blindenbüchereien in Deutschland produziert und an Sehbehinderte verliehen.
Eine der drei größten ihrer Art im deutschsprachigen Raum ist die Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB). Über 16000 Titel in Brailleschrift sind ausleihbar, hinzu kommen weitere 14000 Hörbücher. „Der Zugang zu Literatur und Wissen geht nur über Schrift“, sagt DZB-Direktor Thomas Kahlisch. Getreu dieser Mission arbeitet die DZB ständig an der Übertragung von Büchern in Brailleschrift oder ihrer Vertonung als Hörbuch.
Etwa 500 Publikationen in Blindenschrift oder als Hörbücher überträgt die DZB jährlich und liefert damit einen wesentlichen Beitrag zu den 2000 jährlich für Sehbehinderte im deutschsprachigen Raum herausgegebenen Büchern. Angesichts der 100000 jährlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz erscheinenden Bände seien das aber gerade zwei Prozent, erklärt DZB-Mitarbeiterin Katja Lucke.
Etwa sechs Wochen dauert es, bis ein Buch nach seinem Erscheinen als gedruckte Ausgabe auch für Sehbehinderte in Brailleschrift oder als Hörbuch verfügbar ist. Wenn es einen Beitrag zur öffentlichen Debatte darstelle, wie das umstrittene Sarrazin-Buch im vergangenen Jahr, dann gehe das auch mal schneller, sagt Lucke.
Dass die Eröffnung von Literatur für Sehbehinderte keinen Rechtsbruch im Sinne des Urheberrechts darstellt, regelt Paragraf 45a im Urheberrecht. Darin ist die „Vervielfältigung eines Werkes für Menschen, soweit diesen der Zugang zu dem Werk in einer bereits verfügbaren Art der sinnlichen Wahrnehmung auf Grund einer Behinderung nicht möglich oder erheblich erschwert ist“ erlaubt. „Die Voraussetzung für die Nutzung der DZB ist daher ein Behindertenausweis oder ein ärztliches Attest“, sagt Lucke. Rund 15000 betroffene Leser sind bei der DZB registriert.
Eine von ihnen ist Bianca Weigert. Die 37-Jährige ist von Geburt an blind, doch aufs Lesen wollte sie nie verzichten. „Lesen ist für mich Lebensinhalt“, sagt sie. Wenn sie mal unterwegs ist, hat sie Hörbücher auf CD dabei, die sind handlicher, „aber zum Einprägen ist die Brailleschrift besser“. Diese bringe den Nachteil mit sich, dass die Bücher etwa drei Mal mehr Platz brauchen und selbst gewöhnliche Romane so zu dicken Wälzern werden.
Ganze 15 Bände füllt etwa die Herr-der-Ringe-Trilogie in der Sechs-Punkt-Schrift. Zwei bis drei Bände dick sei dagegen ein durchschnittliches Buch, sagt Angelika Müller, die die Nutzer in der Bibliothek betreut. Die DZB funktioniert vor allem über Fernleihe: Über ein Online-Formular oder telefonisch bestellen die Nutzer aus ganz Deutschland ihren Lesestoff. Nicht selten wird Angelika Müller nach Lesetipps gefragt: „Man muss viele Bücher kennen“, sagt sie.
Ist die Auswahl getroffen, werden die bestellten Werke aus dem Magazin geholt und in Koffern an die Leser verschickt. Bis zu 250 Koffer verlassen die DZB täglich, der Versand und die Ausleihe sind für die sehbehinderten Leser kostenlos. Vier Wochen haben sie laut Nutzungsordnung Zeit zum Schmökern. Die Leihfrist sei aber dehnbar, sagt Müller. Denn insgesamt wird die Brailleschrift langsamer „ertastet“ als Schwarzschrift gelesen werde.
Es war das Jahr 1825, als Louis Braille, gerade 16 Jahre alt, jene 64 Kombinationen aus einer Gruppe von sechs Punkten entwickelt hat, die blinden Menschen auf der ganzen Welt erstmals das Lesen ermöglichte. „Die Braille-Schrift ist ein Abbild dessen, was für die sehende Welt ihre Schwarzschrift ist“, sagt DZB-Direktor Kahlisch. Alte und neue Rechtschreibung existieren damit ebenso in den Schrifterzeugnissen für Blinde wie sich auch Rechtschreibfehler einschleichen können, erklärt Kahlisch, der selbst seit dem 14. Lebensjahr blind ist.
Blinde können mit der Sechs-Punkt-Schrift zwar lesen, damit sie aber eine Vorstellung von Illustrationen und der Darstellung von Kartenmaterial haben, fertigt die DZB auch Reliefs an. Während Blindenschriftbücher per Computer über Braille-Drucker produziert oder durch eine Matrize aus Zinkblech erstellt werden, ist ein Relief zum größten Teil Handarbeit. Aus Pressspanpappe schneidet Petra Büttner Schablonen millimetergenau aus und legt sie aufeinander zu einer Matrize.
Darauf wird eine erhitzte Folie gelegt, die sich an die Vorlage schmiegt und nach dem Abkühlen ein stabiles Reliefbild ergibt. Mit der Herstellung von Landkarten aber auch Bilderbüchern aus Reliefs glaubt die 50-Jährige, blinden Menschen helfen zu können. „Wir erschließen ein Stück weit die Welt für sie“, sagt die Relieftechnikerin. Zuletzt erstellten Büttner und ihre Kollegen auch einen Führer durch den Kölner Dom, den auch Sehende kauften.
Die Literatur für Blinde erschließen – so versteht Simone Cohn-Vossen ihre Arbeit in der DZB. Die Schauspielerin und Synchronsprecherin sitzt im Tonstudio der Bibliothek und vertont ein Kochbuch. „Appetit kommt da schon auf“, sagt sie und lacht. „Es ist ein gutes Konzentrations- und Stimmtraining aber auch eine höchst sinnvolle Tätigkeit“, sagt die Schauspielerin. Und das Vertonen von Texten wird in Zukunft eher zu- als abnehmen.
Schon jetzt entstehen für die DZB mehr Hörbücher als Bände in Brailleschrift gedruckt werden. Wegen der demografischen Entwicklung erreichen immer mehr Menschen ein hohes Alter, das für etliche mit einer Sehbehinderung einhergeht. „Sie sind dann zu alt, um noch Braille zu lernen“, erklärt DZB-Mitarbeiterin Lucke. Zudem sei bei älteren Menschen eine Hornhaut an den Fingern herangewachsen, die das Ertasten der Brailleschrift zusätzlich erschwere. Für Sprecherin Cohn-Vossen halb so schlimm: „Sie kriegen mich dann aufs Ohr.“







