Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kommentar

Kurz vor Knapp

Nach mehr als zwei Jahren Verhandlungsdauer haben sich die Dienstgeber und Dienstnehmer für den Bereich der Caritas für ihr Tarifsystem auf einen gemeinsamen Nenner geeinigt. Die Lösung heißt Flexibilisierung und Regionalisierung. Der Schwarze Peter liegt jetzt bei den sechs neu errichteten Tarifregionen.

Die Verhandlungen um die Tarife der 480 000 Mitarbeiter im caritativen Dienst der katholischen Kirche haben etwas von der klassischen Situation der griechischen Tragödie: Was die handelnden Hauptpersonen auch tun und für welche der alternativen Handlungsweisen sie sich entscheiden, alles führt ins Verderben.
Selbstverständlich darf die Caritas keinen so geringen Tarif zahlen, dass ihr die guten Leute davonlaufen. Dieses Ausbluten muss verhindert werden.
Auf der anderen Seite ist das Budget der Caritas bis auf wenige Prozent durch andere Kostenträger rückfinanziert. Die werden nicht ohne weiteres die höheren Lohnkosten übernehmen wollen. Erhöhen die Dienstgeber ihre Lohnkosten, geraten sie möglicherweise in eine Schuldenfalle, der kein zu erwartender Gewinn zur Schuldentilgung gegenübersteht.
Eigenes oder erwirtschaftbares Geld hat die Caritas nicht. Gottes Lohn zahlt sich da nicht in barer Münze aus.
Wie außergewöhnlich die Tarifverhandlungen im Bereich Kirche sind, zeigt die Tatsache, dass es kein Streikrecht gibt und für gültige Beschlüsse von Dienstgebern und Dienstnehmern eine Dreiviertelmehrheit bei Verhandlungen zu erzielen ist. Das heißt, dass bei jedem Beschluss der paritätisch besetzen Gremien die Hälfte der Mitglieder der „Gegenseite“ überzeugt werden muss.
Dabei ist nicht außer Acht zu lassen, um welchen gewaltigen Konzern es sich in dem Bereich handelt. Dabei verhandeln trotz der Größenordnung auf Dienstnehmerseite ehrenamtliche Vertreter für die Mitarbeiter. Ohne viel Vertrauen in die „Gegenseite“ kann es da nicht gehen. Gerd Vieler (51)
ist Betriebsratsvorsitzender
der Bonifatius GmbH


23.05.2012
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