Aktuelle Ausgabe
2012-20

Inoffizielles Einheitsdenkmal erinnert an Leiden zu DDR-Zeiten

Kreuzweg auf dem Todesstreifen

Seit Monaten schweißt, schmiedet und schmilzt Ulrich Barnickel an den Skulpturen. Ein ungewöhnlicher Kreuzweg entsteht in seiner Werkstatt: Als inoffizielles Einheitsdenkmal sollen die 14 Stationen am 3. Oktober 2010 – genau 20 Jahre nach der Deutschen Einheit – entlang der einstigen innerdeutschen Grenze eingeweiht werden.

Text und Fotos:
Markus Nowak (KNA) 

Meterlange Eisenschienen, pulverbeschichtete Rohre und haufenweise Wellblech lagern in der Werkstatt des Bildhauers Ulrich Barnickel. Wenn der 54-jährige Künstler ans Werk geht, wird es ohrenbetäubend laut, stechender Geruch liegt in der Luft, und es sprühen die Funken. In seinem Atelier im osthessischen Schlitz ist schwer vorstellbar, dass der Künstler an einem besonderen Mahnmal für die Wende vor 20 Jahren arbeitet: einem 1,5 Kilometer langen Kreuzweg.

Seit Monaten schweißt, schmiedet und schmilzt er an den Skulpturen aus rostigem Material. Fast alle 14 Stationen stehen inzwischen am „heißesten Ort des Kalten Krieges“ – auf dem früheren Todesstreifen am „Point Alpha“ bei Geisa. Am 3. Oktober 2010 – und damit genau 20 Jahre nach der deutschen Einheit – soll das inoffizielle Einheitsdenkmal, ein ungewöhnlicher Kreuzweg, entlang der einstigen innerdeutschen Grenze eingeweiht werden.

Nur 40 Kilometer östlich von Barnickels Werkstatt verlief vor 1989 die innerdeutsche Grenze. „Point Alpha“ war der westlichste Punkt, an dem sich die Truppen des Warschauer Paktes denen der NATO gegenüberstanden – bis auf die Zähne bewaffnet. In den vergangenen zwei Jahren entstand dort nun der „Weg der Hoffnung“ mit 14 bis zu vier Meter hohen Plastiken aus Eisen. 

„Das Leiden Jesu ist prädestiniert, um die DDR-Diktatur zu fixieren und erinnern“, erklärt der 54-jährige Künstler. Jede der Stationen steht für begangenes Unrecht, aber auch für Hoffnung in dem untergegangenen Staat. Jesu erster Fall unter dem Kreuz gilt als Ausdruck des „Zwangs“; Simon von Cyrenes Hilfe steht für „Solidarität“ und die Beraubung seiner Kleider für „Entwürdigung“. „Ich habe Begriffe gefunden, um die biblischen Szenen in die Gegenwart zu holen“, beschreibt Barnickel sein religiös motiviertes Werk.

Christliche Thematik in der Kunst ist Barnickel nicht fremd. Schon zu DDR-Zeiten rückte der gebürtige Weimarer durch religiöse Motive allegorisch gesellschaftspolitische Themen in den Fokus. „Damals hat man in christlicher Symbolik die DDR kritisiert“, erinnert sich der Künstler. Überhaupt spiegeln sich in den meist angerosteten Eisenskulpturen auch eigene Diktaturerfahrungen des Künstlers wider. 1985 bürgerte die DDR den gelernten Schmied und studierten Bildhauer aus. In Hessen, unweit der innerdeutschen Grenze, fand er anschließend eine neue Heimat.

Eine Symbolwirkung haben die 14 Kreuzwegstationen aber auch für Juden, Muslime und Nicht-Gläubige, glaubt Uta Thofern, Direktorin der für den Weg verantwortlichen Point-Alpha- Stiftung. „Die Figuren sind so aussagekräftig, dass jeder seine Assoziation mit dem Thema Leiden, Diktatur, Willkür und Widerstand verbinden kann“, erläutert sie.

Dem Nachdenken über die eigenen Erfahrungen mit der Diktatur oder mit dem Alltag wird Nachdruck verliehen, etwa indem die Betrachter selbst zum Akteur werden. So wird die sechste Station von Barnickel neu interpretiert, indem er kein Schweißtuch mit Jesu Angesicht abbildet, sondern Veronika einen Spiegel halten lässt, in dem sich die Kreuzwegbesucher selbst sehen können.

Für den Katholiken Barnickel sei es auch wichtig, dass „jeder, egal welcher Religion, mit dem Kreuzweg was anfangen kann“. So ist das Kreuz nicht an jeder Station zu sehen; stattdessen ist das durchgehende Leitmotiv der rote Oberschenkel Jesu – für den Künstler ein Symbol für Fleisch und Blut. Zudem wurden die „Insignien der DDR-Diktatur ins Licht gerückt“, erklärt Barnickel.

So ist in der Stuhllehne von Pontius Pilatus an der ersten Station mit dem Titel „Willkür“ ein DDR-Stahlhelm eingearbeitet. Auch der Soldat, der Jesus an der zehnten Station („Entwürdigung“) seiner Kleider beraubt, trägt einen NVA-Kopfschutz. Und wenn Jesus an der dritten Station („Zwang“) das erste Mal unter dem Kreuz fällt, stolpert er über eine Granathülse der DDR-Armee.

Wenn die Besucher des nahen Museums Point Alpha oder Wanderer entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze zum Kreuzweg kommen, erwartet sie ein zwiespältiger Anblick. Einerseits sind da die meterhohen Plastiken aus Eisen. Die meisten haben Rost angesetzt. Das Gesicht des leidenden Christus – und damit des Protagonisten des Kreuzwegs – ist nur umrisshaft nachempfunden. Nur durch die Dornenkrone und den roten Oberschenkel ist er als Christus zu erkennen, wenn er etwa an der vierten Station („Entsetzen“) seiner Mutter begegnet, an der siebten Station („Gewalt“) unter der Last des Kreuzes einknickt oder an der achten Station („Trost“) die weinenden Frauen beruhigt. Andererseits ist da die beinah unberührte Natur der Hohen Rhön.

Die idyllische Landschaft war einst allerdings widersprüchlich: An keiner anderen Stelle war die Konfrontation von Nato und Warschauer Pakt so spürbar wie am Point Alpha. Im Kriegsfall wäre ein Angriff des militärischen Ost-Bündnisses an diesem Abschnitt der innerdeutschen Grenze sehr wahrscheinlich gewesen. Dass nun ausgerechnet hier ein Kreuzweg entsteht, sei eine Allegorie auf die ehemalige innerdeutsche Grenze, sagt Point-Alpha-Stiftungsdirektorin Uta Thofern. Für Barnickel ist der Kreuzweg mehr: eine Allegorie für die gesamte DDR-Diktatur.


23.05.2012
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