Aktuelle Ausgabe
2012-20

Jesus Methode vom See Galiläa funktioniert heute nicht mehr

„Kopfjäger“ suchen Mitarbeiter

Ganz neu anfangen, das mussten nach der Wende auch die Mitarbeiter des „Volkseigenen Betriebes Fischfang“ in Wismar.
Neue Herausforderungen stellt auch Headhunter Burkhard Heinz an Mitarbeiter, die er aussucht. Foto: kna

Es kann mitten im Alltag passieren. So, wie es wohl damals die Fischer im Evaneglium „erwischt“ hat. Heute gibt es da einen Telefonanruf am Arbeitsplatz, der eine neue Herausforderung verspricht. Am anderen Ende der Leitung sitzt ein Headhunter, Kopfjäger. Was sich so martialisch anhört ist ein Beruf. „Ein respektloser Begriff“, meint Burkhard Heinz, selber Headhunter. Es gehe schließlich um Menschen, um Personen, die eine neue Aufgabe angeboten bekommen. Es werden hochkarätige Leute gesucht. Hochkarätige Leute suchte auch Jesus, aber seine Erwartungen waren andere. Vertrauen sollten sie haben in ihn und seine Botschaft. Aber wie auf dem Markt der Headhunter suchte er geeignete Kandidaten, die mitten im Leben stehen.

von Ulla Evers

Da ist eine Firma oder ein Konzern, die Manager für die Führungsriege brauchen, für den Aufsichtsrat oder Fachleute für besonders qualifizierte Arbeitsplätze. Sie beauftragen einen Headhunter, unter den Besten der Besten den passenden Mitarbeiter ausfindig zu machen. Das Ungewöhnliche: Die zukünftigen Mitarbeiter stehen in Lohn und Brot, sind unter Umständen sogar zufrieden mit ihrer Arbeit. Sie sollen abgeworben werden. Es ist eine verdeckte Arbeit, sozusagen eine Geheimsache. „Zunächst sagt uns der Auftraggeber, welches Profil ein neuer Mitarbeiter haben soll. Oder aus welchen Firmen ganz konkret abgeworben werden könnte. Denn es gibt Firmen, die stechen durch eine besonders gute Unternehmenskultur, durch exzellente Forschung oder Qualität hervor“, so Burkhard Heinz.
Der Headhunter arbeitet für eine Unternehmensberatung in Zürich. Der 50-Jährige hat sich vom Bankkaufmann, über ein Betriebswirtschaftliches Studium, einem Studium der Ökologie, dem Erwerb profunder Kenntnisse in der Finanzdienstleistung, einer systemischen Coachingausbildung und einer Qualifikation in Organisationsentwicklung bis hin zur Begleitung therapeutischer Prozesse in sein derzeitiges Berufsfeld hineingearbeitet. Er kennt aus eigener Erfahrung Führungspositionen in der Wirtschaft und kann sein Wissen nutzen, um geeignete Kandidaten für Top Stellen zu vermitteln.
Seine ruhige Stimme, die bedächtigen Antworten und abwägenden Positionen machen keines Falls den Eindruck eines Cowboys auf dem Arbeitsmarkt, der bei Erfolg Kopfgeld kassiert.
Ein Geschäft, das ist Headhunting durchaus. Ein außergewöhnlicher Job muss besetzt werden. Ein außergewöhnlicher Job, das ist für den zukünftigen Bewerber ein Riesenschritt nach vorn auf der Karriereleiter. Karriere, so definiert er dieses Wort, bedeute für die Welt der Wirtschaft Geld, Macht, Status und persönliche Erfüllung. Wobei letzteres in der Regel die Zusammenfassung der drei anderen Begriffe sind.
Im Markusevangelium war die Ausstrahlung Jesu so stark, dass die Jünger nahezu ohne Zögern ihren Arbeitsplatz verließen, um neu zu beginnen. Bei allen Verlockungen, die der Headhunter verspricht, dauert es in seinem Fall aber einige Zeit, bis ein Top-Job neu besetzt werden kann. Zunächst werden Firmen nach geeigneten Mitarbeitern durchkämmt, verdeckt dort angerufen, um Namen und Positionen von geeigneten Mitarbeitern zu ermitteln. Es werden Internetplattformen  beobachtet, Qualifikationen von wechselwilligen Leuten beleuchtet, Stellen- und Persönlichkeitsprofile erarbeitet. Am Ende steht eine Namensliste, die der Headhunter telefonisch anspricht. Über den ersten Kontakt erfahre er, so Heinz, schon eine ganze Menge. Oft werde am anderen Ende der Leitung abgewunken. Man fühle sich wohl und wolle keine Veränderung. „Andere fragen näher nach. Was für eine Aufgabe angeboten wird und an welchem Ort der Arbeitsplatz angesiedelt ist“, fasst Heinz zusammen. Bei einigen spüre man sehr schnell, wie sehr Geld und Macht Antrieb sind, das Angebot des Headhunters näher anzuschauen.
Dann schickt Heinz eine ausführliche Aufgabenbeschreibung und lädt zu einem persönlichen Gespräch ein. Es seien fünf bis zehn Leute, die er in einem solchen Interview näher kennenlernt. „Ich interessiere mich vor allem für die Selbsteinschätzung der Bewerber. Auch die Frage, inwieweit die Familie, wenn es sie denn gibt, das bisherige Berufsleben begleitet hat, halte ich für wichtig.“ Ob er damit auch mitbekommt, was die Kandidaten bereit sind für die Karriere aufzugeben, das hält er für unwahrscheinlich.
Auf den Punkt gebracht ist seine Erfahrung: „Karriereleute haben sich materialisiert und kommerzialisiert. Es geht darum, Geld zu verdienen.“ Dafür würden sie sehr wohl ihr soziales Umfeld aufgeben, schätzt der 50-Jährige. Ein völlig anderes Motiv also, als das bei Jakobus und Simon Petrus.Nach dem Interview fertigt der Headhunter Dossiers an und reicht Kandidaten zum Bewerbungsgespräch an den zukünftigen Arbeitgeber weiter.
Wenn ein Vertrag geschlossen ist, dann kann das Geschäft als erfolgreich betrachtet werden. Aber, so Burkhard Heinz: „Es hat sich bis zu diesem Punkt oft eine persönliche Beziehung zu dem neuen Mitarbeiter entwickelt. Da frage ich dann auch nach, ob das Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben sie zufrieden stellt.“
Vertrauen hat sich auch in diesem Kopfjägergeschäft entwickelt, weiß der Züricher zu berichten. Trotz Geschäftsinteresses sei die Persönlichkeit eines Headhunters wichtig. Denn neben den Fakten eines neuen Stellenprofils und seinen Anforderungen, würden viele Menschen doch eher an eine einschneidende Veränderung in ihrem Leben denken, wenn eine vertrauenswerte Persönlichkeit die neue Herausforderung vermittele, so die Erfahrung.


23.05.2012
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