In Schillig an der Nordsee entsteht ein neues Gotteshaus
Kirche zwischen Ebbe und Flut
Direkt an der Nordseeküste, am hiesigen Wattenmeer, das seit dem Jahr 2009 UNESCO-Weltnaturerbe ist, liegt das malerische Örtchen Schillig. Vor allem Urlauber aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zieht es hierher, unter ihnen zahlreiche Katholiken, die auch im Urlaub den Weg zum Glauben und zur Kirche suchen. Eine große Herausforderung für die kleine Schilliger Kirchengemeinde St. Marien und ihren Pfarrer Lars-Jörg Bratke. Um dieser besonderen Aufgabe gerecht zu werden, bekommt sie nun mit Unterstützung des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken ein neues Gotteshaus.
Text und Fotos:
Paul Sklorz (KNA)
Zum Familiengottesdienst am Sonntag ist die Zeltkirche bis zur letzten Reihe gefüllt. Unter den Kirchgängern finden sich viele Urlauber. So wie Familie Stegemann aus Breckerfeld in Nordrhein-Westfalen. Während sich Vater Bernd zu den anderen in eine der Stuhlreihen setzt, begleitet Mutter Susanne die Messfeier am
E-Piano. Sohn Benedikt dient als Ministrant.
Die Familie gehört zu jenen, die nur noch wenig mit ihrer Heimatpfarrei verbindet. In der Urlaubsgemeinde am Meer blühen die Stegemanns dagegen auf. „Die Kirche in Schillig ist viel lebendiger, der Glaube wird hier viel intensiver gelebt“, sagt Susanne Stegemann. Die Lehrerin fühlt sich mit ihrer Familie bestens aufgenommen.
Schillig liegt in der niedersächsischen Gemeinde Wangerland. Direkt an der Nordseeküste, am hiesigen Wattenmeer, das seit 2009 UNESCO-Weltnaturerbe ist. Unzählige Wohnwagen machen aus dem Ort einen der größten Campingplätze Deutschlands. Vor allem Urlauber aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zieht es hierher. Unter ihnen zahlreiche Katholiken, von denen einige im Urlaub den Weg zum Glauben und zur Kirche suchen. Eine große Herausforderung für die kleine Schilliger Kirchengemeinde St. Marien. Um dieser besonderen Aufgabe gerecht zu werden, bekommt sie nun mit Unterstützung des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken ein neues Gotteshaus. Noch finden die Messfeiern am Wochenende in der Zeltkirche unweit der Baustelle statt. Zu sehen ist dort bereits das Betonfundament und ein großer Teil der Grundmauern. Bis vor kurzem stand an dieser Stelle noch das alte Gotteshaus. Der Salzgehalt und hohe Feuchtigkeit in der Luft hatten dem Leichtbau aus dem Jahr 1967 immer mehr zugesetzt. Die Kalksandsteinfassade bröckelte, das Dach war undicht, ein Neubau unvermeidlich.
Bis September 2011 entsteht nun ein modernes Kirchengebäude. Das neue geistliche Zentrum in Schillig und Umgebung soll es werden; ein echter Hingucker, auch für Nicht-Gläubige.
Das Bistum Münster, zu dem auch Schillig gehört, will damit einen Anziehungspunkt schaffen. Ein „Freiraum für den Glauben“, wie das Motto der diesjährigen Diaspora-Aktion des Bonifatiuswerkes lautet, soll entstehen. Die Planer, ein Architektenpaar aus Köln, sind dafür dem Arbeitsauftrag gefolgt, eine „Kirche am Meer“ zu bauen. So ähnelt der Turm der neuen Kirche einem Segel. Das Dach erinnert in seiner geschwungenen Form an auseinanderdriftende Meereswellen. Von hinten betrachtet, wirkt der Bau wie ein Schiff. Die Außenfassade besteht aus dunklen Klinkersteinen, die im Sonnenlicht wie Fischschuppen schimmern sollen. Innen erhalten die rauen Wände einen sandfarbenen Anstrich. Die Holzbänke umschließen ringsum den Altar. „Damit wird das neue Gotteshaus den modernen Liturgieansprüchen gerecht“, sagt Pfarrer Lars-Jörg Bratke.
Der 40-Jährige ist seit 2006 Pastor in einem Pfarrbezirk, der nicht nur Schillig, sondern mit einer Fläche von etwa 160 Quadratkilometern fast die gesamte Gemeinde Wangerland abdeckt. Am Wochenende eilt Bratke zwischen den Kirchenorten Schillig und Hooksiel hin und her. Im Sommer kommt noch eine katholische Messfeier in der Evangelischen Deichkirche in Carolinensiel hinzu.
Unter den rund 10000 Einwohnern im Pfarrbezirk sind 800 katholisch getauft, also
etwa acht Prozent. Eine Diaspora, in der Pfarrer Bratke noch sehr nah an den Menschen sein kann. Ob bei regelmäßigen Treffen mit Tee und Gebäck im Pfarrhaus, Hausbesuchen oder bei Messfeiern in den privaten vier Wänden: „Hier ist alles ein bisschen persönlicher als in manch anderer, größerer Gemeinde“, sagt Bratke.
Wenn genug Zeit bleibt, steht der Pfarrer vor jeder heiligen Messe am Eingang zur Kirche und gibt allen zur Begrüßung die Hand. Ein Teil der Wertschätzung sei das, so Bratke. „Damit will ich den Menschen sagen: Schön, dass du da bist. Ein Stück von dir gehört auch hierher.“ Dies gelte für die Einheimischen und die Reisenden gleichermaßen. Bratke öffnet einen Freiraum für den Glauben mitten in der katholischen Diaspora, den viele Urlauber in ihren Heimatorten nicht mehr finden.
Der gebürtige Westfale spricht von „gelebtem Christentum“. Dazu gehöre auch, die Messe gut vorzubereiten, sie liebevoll und menschennah zu gestalten. Unter der Woche trifft sich Pfarrer Bratke mit den Gläubigen bisweilen barfuß und mit hochgekrempelten Hosen am Meer – um Strandgottesdienst zu feiern. „Der perfekte Ort, um die Menschen sowohl mit dem Evangelium als auch mit der Schöpfung Gottes zusammenzubringen“, sagt er.
Seine Urlauberseelsorge erstreckt sich über den gesamten Pfarrbezirk. Neulich wurde Bratke zu einem Todesfall auf den Campingplatz nach Hooksiel gerufen. Dort leistete er Erste Hilfe für die Seele der Hinterbliebenen. Neben der klassischen Seelsorge schätzt Bratke auch die „unverbindlichen Kurzkontakte“: Gespräche, aus denen sich bisweilen lang anhaltende Bekanntschaften entwickeln, so wie mit Familie Stegemann. Gern würden sie für immer hierbleiben, hierherziehen, hier arbeiten, sagt Susanne Stegemann. Als Lehrerin lässt sie ihr Bundesland jedoch nicht ziehen.
Und so bleibt der Familie mal wieder nur die Abreise in den Alltag. Doch sie wird wiederkommen. So, wie viele andere, die der Pfarrer im Anschluss an den Gottesdienst am Ausgang der Zeltkirche verabschiedet. Denn eines hat die Kirche hier mit dem Meer gemeinsam: Nach der Ebbe kommt auch wieder die Flut.
Diaspora-Sonntag
Das Bonifatiuswerk beteiligt sich an der Finanzierung des Neubaus mit einer Fördersumme von 70000 Euro und sammelt hierfür auch am diesjährigen Diaspora-Sonntag. Die große Diaspora-Aktion des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken steht in diesem Jahr unter dem Motto „Freiraum für den Glauben. Bezeugen. Bewahren. Bewegen“ und findet am 21. November statt.







