Aktuelle Ausgabe
2012-20

Wo macht sich die Kirche auf um die Sünder zu rufen?

Keiner besitzt die Wahrheit

Von oben nach unten: Nach sozialer Lage in Schichten, auf der Grundlage von Bildung, Beruf und Einkommen.

Die Pfarrgemeinden stehen an vielen Stellen vor großen Veränderungen. Sonntags finden sich in ihnen die Mitglieder der alten Kerngemeinde ein – stetig schrumpfend. Und außen verändern sich die Menschen und Lebenswelten in einem Maße, das nicht immer Eingang findet in die Arbeit und Aufmerksamkeit dieser Pfarreien. Der Theologe Bernhard Spielberg (siehe auch Seite 5) zu Ideen, wie sich die Schwierigkeit lösen lässt, den Blick weg von den Gerechten hin zu den „Sündern“ zu lenken.

Jesus sagt: „Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.“ Für die, die das am Sonntag im Gottesdienst hören, doch ein starkes Stück. Oder sind die Sünder immer die anderen?
Spielberg: Sünder gibt es in allen sozialen Milieus, überall. Sünder sind die, die meinen, Gott längst begriffen zu haben oder mit ihm längst fertig zu sein. Natürlich auch die, die mit ihm Geschäfte machen. „Wehe euch …!“, wendet sich Jesus gegen die Pharisäer und meint damit die Religionsfunktionäre, auch die von heute.

Den Begriff „Sünder“ halten viele heute für problematisch, für eine Art Publikumsbeschimpfung. Kein Wunder, dass die Kirchen leerer werden …
Spielberg: Natürlich ist der Begriff problematisch.
Er ist unangenehm, sobald er existenziell verwendet wird. „Verkehrssünder“ kennen wir alle, „Umweltsünder“ auch, aber an und für sich „ein Sünder“ zu sein, ist eine Zumutung.
Das alte biblische und kirchliche Vokabular lässt sich nur schwer in verschiedene Sprach- und Lebenswelten übersetzen.
Aber wäre das nicht gerade die Aufgabe der Kirche?
Spielberg: Klar. Damit das Positive, das Jesus für die „Sünder“ will, zum Tragen kommt. Sünder sein bietet die Chance, von Jesus besonders gerufen und in Anspruch genommen zu sein. Das wird kirchlicherseits oft nicht vermittelt. Das Problem ist: Wir wissen nicht, was von der „Frohen Botschaft“ tatsächlich in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft ankommt.

Hat sich nicht in vielen Kerngemeinden ein kleinkariertes Sünden- und Schuldbewusstsein breitgemacht, statt einer einladenden Geste der Offenheit und Toleranz, zum Beispiel gegenüber Neugierigen und kritisch Distanzierten?
Spielberg: Keine Gemeinde kann von sich mehr behaupten, sie besitze die Wahrheit. Das Milieuhandbuch „Religiöse und kirchliche Orientierung in den Sinus-Milieus 2005“ zeigt, wie wichtig es ist, in Gemeinden über Traditionsgrenzen hinaus zu denken. Traditionen sind wichtig, machen sich aber oft am Geschmack der Alteingesessenen fest. Lieb gewordene Gottesdienstformen und Gottesdienstzeiten beschränken das Publikum auf die „Premium-Kunden“, die sich in den Gemeinden so einrichten, wie es ihnen gefällt. Das erschwert Angehörigen anderer Milieus den Zugang. Anders sein ist für viele eine Bedrohung.

Das sind doch klare Signale dafür, dass sich was ändern muss …
Spielberg: Das geschieht ja auch. Die Milieustudie ist, so weit ich weiß, das einzige kirchliche Dokument, das ausschließlich eine Situation beschreibt und nicht gleich wieder kluge Antworten gibt. Die Kenntnis der sozialen Milieus, deren Sprache, Wertorientierung und Alltagspraxis kann der Kirche neue Zugangsmöglichkeiten zu den Menschen eröffnen. Zum Beispiel zu den „modernen Performern“ oder den „Experimentalisten“ vor allem in den Städten.

Muss es jetzt für „moderne Performer“ eigene Gemeinden geben?
Spielberg: Nein, aber eigene Aufmerksamkeiten. Die modernen Performer sind die junge, unkonventionelle Leistungselite. Sie wollen ein intensives Leben, in dem sie ihre Flexibilität ausleben und ihre beruflichen wie sportlichen Leistungsgrenzen erfahren können. Ihr Konsumstil ist geprägt durch Lust auf das Besondere, durch Einflüsse aus anderen Kulturen und Szenen. Die Frage ist: Was hat die Kirche diesem anspruchsvollen Milieu der unter 35-Jährigen zu bieten?

Und, gibt’s da was?
Spielberg: Ganz sicher nicht das Sicherheits- und Ordnungsambiente der „Traditionsverwurzelten“, also des relativ alten Stammpublikums. Moderne Performer haben hohes Interesse an allem, was ihnen Kraft und Energie für die Bewältigung ihrer Alltagsanforderungen gibt, auch an Gottesdiensten und Segnungsfeiern, wenn sie „stylish“ sind. Die Kirche ist ein funktionales Angebot im Wettbewerb mit anderen Weltanschauungen und Philosophien. Dennoch gibt es Bereitschaft zu eigenem Engagement, zum Beispiel für zeitlich begrenzte Mitarbeit an kirchlichen Projekten.

Welche sozialen Milieus würden Sie sonst noch gerne stärker in den Gemeinden vertreten sehen?
Spielberg: Erstmal will ich klarstellen: Unser Gegenüber in den Gemeinden sind keine Milieus, sondern Menschen. Die Milieustudie ist ein Instrument, eine Art Brille, mit der Verantwortliche in der Pastoral die Situation vor Ort besser erkennen können. Diese Brille sollten sie nutzen, um neue Orte aufzusuchen mit neuen Ideen. Der Facettenreichtum derer, die Jesus ansprechen will – Traditionelle, Moderne, Postmoderne – wird über das alte Pfarreiprinzip nicht mehr wahrgenommen. Da bleibt das Evangelium auf der Strecke.

Meint also Jesus mit den „Sündern“, die er da rufen will, womöglich die Verantwortlichen in den Kirchen selbst?
Spielberg: Sofern sie ein altes Modell von „Pfarrgemeinde“ durchziehen und retten wollen, durchaus. Dort werden enorme Kräfte verschleudert, statt – wie Jesus – missionarisch neue Wege zu gehen. Die „Apparate“-Pastoral belohnt vor allem diejenigen, die machen, was immer schon gemacht wurde. Da ist kaum Kreativität. In der Firmkatechese kann ich Jugendlichen nicht mit Glanzpapier und Wachsmalstiften das Erwachsenwerden erschließen. Ein Krankenbesuchsdienst von Jugendlichen für Jugendliche ist dagegen nicht nur „cooler“, sondern übt freiwillig Verantwortung übernehmen ein.

Was ist denn nun – auf den Punkt gebracht – der Erkenntnisgewinn der Milieustudie für die Seelsorge?
Spielberg: Milieuübergreifend genießt die katholische Kirche in Deutschland einen nicht zu übertreffenden Bekanntheitsgrad. Für viele aber ist sie im Alltag nicht gut sichtbar. Die Menschen nehmen die Aktivitäten und Lebensäußerungen der Kirche vielfach nicht mehr wahr. Die Studie zeigt, dass von der Kirche insgesamt ein „selbstbewussteres“ Auftreten erwartet wird. Die Kirche muss die Frohe Botschaft mit der menschlichen Existenz kreativ konfrontieren. Nicht über Maiandachtstermine diskutieren, sondern Hauptschülern Leerstellen vermitteln helfen. Don’t talk, walk! Rede nicht, geh hin!
Interview: Ludger Verst


23.05.2012
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