Gedanken zum Evangelium
Keine kleine, elitäre Schar
„Heilige, das sind doch eher Menschen aus der Vergangenheit, weltfremd. Was sollen die mit mir zu tun haben, was sollen die mir schon zu sagen haben für mein Leben!“, so denkt sich vielleicht manch einer zum Fest Allerheiligen. So greift Pfarrer Haase das Fest dieses Sonntages auf und schließt zugleich eine Klammer um die Lesungstexte dieses Sonntages.
von Bernd Haase
Heilige, Gestalten aus einer fernen Vergangenheit, verklärt dargestellt als Übermenschen, unerreichbar in ihrer Lebensführung, „Elitechristen“, die sich von uns „Otto-Normal-Christen“ abheben durch ihr vorbildliches Leben und ihren unerschütterlichen Glauben, so erscheinen sie nicht wenigen Menschen heute. Und es bleibt das Gefühl einer himmlischen Zweiklassengesellschaft zwischen den Heiligen und uns, die wir erhoffen, dort bei Gott auch unser Lebensziel zu erreichen und einen Platz zu bekommen.
Die Offenbarung des Johannes zeigt uns ein ganz anderes Bild:
„Danach sah ich eine große Zahl aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen.“ Es wird die Zahl 144000 genannt, im biblischen Verständnis Zahl der Fülle, die über sich hinausweist.
Das ist ein tröstliches Bild: Die endzeitliche Versammlung vor dem Thron Gottes besteht nicht nur aus einer kleinen, elitären Schar, sondern aus einer nicht zählbaren Menge, zu der auch wir gehören könnten. Und diese „große Schar“ besteht aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen. Das heißt doch: Es gibt keine Einheitsheiligen, sondern eine große Unterschiedlichkeit; es gibt unzählbare Wege, den Glauben zu leben und zur Heiligkeit zu gelangen, jeder hat seinen eigenen!
Wer sich sein ganzes Leben mit allen Höhen und Tiefen ehrlich um den Glauben müht, der ist auf dem besten Weg zur Heiligkeit. Und genau das sind die Menschen, von denen das Evangelium spricht, Menschen unserer Welt und Zeit: Arm und klein vor Gott, in Not und Trauer an diesem Gott festhaltend; die, die sich im Kleinen und Großen um Frieden mühen, die um ihrer Glaubensüberzeugung willen bedrängt werden und die sich liebevoll um andere kümmern; die, die auf etwas hoffen, was nicht in dieser Welt und in diesem Leben zu erreichen oder gar zu erkaufen ist.
Heilig zu sein heißt: Mit beiden Beinen auf dem Boden dieser Welt zu stehen, den Blick zu Gott gerichtet und so diese Welt ein Stück heiler, oder auch heil zu machen: Friedlicher, liebevoller, hoffnungsfroher! In diesem Sinne verstanden ist Heiligkeit für alle Glaubenden ein Weg, der gehbar ist, und keine unerreichbare Tugend!
In der Präfation des Allerheiligentages heißt es: „Denn heute schauen wir deine heilige Stadt, unsere Heimat, das himmlische Jerusalem. … Dorthin pilgern auch wir …“
Ziel christlichen Lebens ist nicht das Single-Appartement, sondern die himmlische Stadt Jerusalem, die Gemeinschaft aller, deren Leben sich in Gott vollendet. Deshalb wird auch keiner für sich allein heilig, sondern nur in der Gemeinschaft mit anderen, in der klaren Ausrichtung auf die Glaubensgemeinschaft. Und gerade die vielen bekannten Heiligen gehören mitten in diese Gemeinschaft als Vorbild und Fürsprecher.
Vielleicht kann uns ein Bild helfen: Stellen Sie sich einen Eisberg vor; nur seine Spitze, sein kleinster Teil ist über der Wasseroberfläche sichtbar. Der Rest, der größte Teil bleibt darunter verborgen. Die uns bekannten Heiligen, also die, die von unserer Kirche offiziell so benannt worden sind, sie sind die Spitze des „Eisbergs Kirche“. Aber dazu gehören auch die vielen kleinen Heiligen, die für uns namenlos, unsichtbar und ungenannt bleiben, aber die wesentlich dazugehören zu der „großen Schar“, zu der auch wir zählen!







