Die christliche Botschaft weiterzugeben, fällt nicht allen leicht
Keine Scheu, von Jesus zu erzählen
Gott und sein Sohn, die Liebe, die Welt, das Gericht und der ausschließliche Anspruch des Christentums. Mit starken Worten fasst das Evangelium dieses Sonntags eine Kernaussage des christlichen Glaubens zusammen. Wie gehen Menschen damit um, die diese Botschaft anderen anbieten sollen?
von Roland Juchem
Vor allem für viele freikirchliche Prediger ist diese „Zusammenfassung der christlichen Hoffnung“ ein „Alphabet der Gnade“: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, gerettet werde. Aber überzeugt dies auch? Susanne Schäfer von der katholischen Kontaktstelle „Orientierung“ in Leipzig ist eher skeptisch: „Das ist ein längerer Prozess; ein einzelner toller Satz reicht da nicht“, sagt sie. Die 45-jährige Theologin aus Südbaden arbeitet seit acht Jahren in Leipzig und erlebt täglich, wie schwierig und zäh es sein kann, andere Menschen von einer solchen Botschaft zu überzeugen. Die Kontrastbotschaften, die anderes vermitteln als Liebe, Rettung und vertrauenden Glauben, sitzen tief.
In Ostdeutschland mit seiner zum Teil hohen Arbeitslosigkeit, so sagt Schäfer, empfänden viele Menschen: Das Leben ist wertlos, sinnlos, egal, was du machst. Es bringt nichts. Wenn Schäfer dagegenhält, so nehmen jene, mit denen sie in der City-Seelsorge zu tun hat, es ihr nur zum Teil ab, wenn sie sagt: Jeder Mensch hat eine unverwechselbare Würde, ja sogar individuelle Berufung, ist geliebt von Gott. Wie gesagt: Ein toller Satz reicht da nicht. „Die Menschen müssen selber mit Achtung und Würde behandelt werden“, sagt Schäfer.
Auf einem ganz anderen Gebiet arbeitet Irmgard Icking, sie formuliert es aber ähnlich. Das internationale päpstliche Missionswerk missio in Aachen, zu dessen Vorstand sie gehört, wirbt mit dem Slogan: „glauben – leben – geben“. Es reiche aber nicht, nur zu verkünden, dass Gott die Welt „so sehr geliebt“ hat. Die Menschen müssten das schon erfahren „in der Feier und in der Tat“.
Wenn also Christen in den Slums von Manila oder im Kriegsgebiet Nordugandas anderen die Botschaft vorleben „Du bist geliebt“, werde die vage Ahnung, was mit der Rettung der Welt durch Gott gemeint sein könnte, etwas überzeugender und konkreter. „Wer als Christ lebt“, sagt Icking, „macht die Welt für andere Menschen lebbarer“. Etwa wenn Aidspatienten, denen medizinisch nicht mehr geholfen werden kann, menschliche Zuwendung erfahren „als Vorgeschmack auf den liebenden Gott, der mich erwartet, wenn ich sterben muss“.
Und was ist mit dem Satz, wonach jene bereits gerichtet sind, die nicht an Christus glauben? Wie ausschließlich dürfen Christen auftreten? Schäfer wie Icking warnen davor, mit einzelnen Sätzen, womöglich aus dem Zusammenhang gerissen, in das Gespräch mit Nichtchristen zu gehen. Der Glaube an Christus als Sohn Gottes sei für Christen nicht aufzugeben, bestätigt Icking. Zum interreligiösen Dialog gehörten aber zweierlei: erstens das klare Bewusstsein der eigenen Position, zweitens das sensible Hinhören auf den anderen. Und dieser Diskurs helfe, den je eigenen Glauben, die je eigene Lebenseinstellung zu verstehen. Das sei beispielsweise in missio-Projekten wie dem Sudan oder in Nigeria nicht immer einfach, teils gefährlich. Aber seien erst einmal politische, wirtschaftliche oder kulturelle Streitpunkte herausgefiltert und würden eigene Zweifel zugelassen, gäben viele Gläubige jeder Religion und Weltanschauung zu: Ich suche auch selber noch.
Auf dieses Suchen stößt Susanne Schäfer, die Mitglied der Gemeinschaft der „Missionarinnen Christi“ ist, häufig. Derzeit bietet sie einen Fastenkurs an – natürlich auch für jene, die nicht religiös gläubig sind, aber vorsichtshalber anfragen, ob sie trotzdem kommen können. „Die Menschen sind sehr empfindlich“, sagt Schäfer, zwar suchen sie, „wollen aber nicht von der Kirche kassiert werden.“ Auch Gott will nicht kassieren, fügt Schäfer hinzu und hält es mit dem Motto der Kirche in Frankreich: Proposer la foi – den Glauben anbieten.
Selbst das scheint aber manchen Katholiken zu viel zu sein. Neben der Angst, vereinnahmt zu werden, gibt es die Angst, andere zu vereinnahmen. Wenn Irmgard Icking in Pfarrgemeinden berichtet, wie Katecheten etwa in Myanmar über die Dörfer ziehen und vom christlichen Glauben erzählen, bekommt sie schon mal zu hören: Es ist gut, dass wir katholisch sind, aber lass die anderen doch in Ruhe, lasst ihnen doch ihren Glauben. So verständlich der 56-jährigen Theologin aus Niederbayern manche Vorbehalte sind wegen der teils gewaltsamen Missionsgeschichte, so unverständlich ist ihr die Scheu, anderen vom Glauben an Christus erzählen zu wollen.
Christus zu bekennen, sei nun mal eine unaufgebbare Aufgabe. Dass die Mut und Stehvermögen braucht, habe schon Johannes in seinem Evangelium beschrieben: Jeder, der an Christus glaubt, auf ihn vertraut, werde gerettet. Susanne Schäfer illustriert die Rolle der Christen mit einem Vergleich von Erfurts Bischof Joachim Wanke: „Wir Christen sind Bettler – wie alle Menschen. Aber wir haben eine Brotausgabe gefunden; und auf die weisen wir andere hin.“







