Gedanken zum Evangelium
Kein Leben ohne Leid
Leiden ist nichts Gutes. Und doch muss jeder in seinem Leben auch leidvolle Erfahrungen machen. So betont Michael Hardt, Dirtektor im Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik und Seelsorger in Paderborn-Dahl. Leiderfahrungen gilt es im Glauben zu tragen.
Zum Rabbi kamen zwei Glaubensbrüder und brachten dies vor: „Unsere Weisen haben ein Wort gesprochen, das uns keine Ruhe lässt, weil wir es nicht fassen können. Es ist das Wort, der Mensch solle Gott für das Übel genauso danken wie für das Gute und es in gleicher Freude empfangen.“ Der Rabbi schickte sie zu Suss-ja ins Lehrhaus. Doch der lachte sie aus: „Da habt ihr euch den Rechten ausgesucht! Ihr müsst euch schon an einen anderen wenden, und nicht an einen wie mich, dem zeitlebens kein Übel widerfuhr.“ Sie aber wussten, dass das Leben von Rabbi Sussja bis zu diesem Tag aus Not und Leid bestand. Da begriffen sie:
Kein Leben ohne Leid! Die-se Erfahrung machen alle Menschen in ihrer Verwandtschaft, Nachbarschaft, am Arbeitsplatz. Es gibt zwar nicht mehr in jedem Haus ein Kreuz, aber es gibt in jedem Haus ein „Kreuz“. In diesem übertragenen Sinn stoßen wir in jedem Haus auf Not und Leid. Manchmal wird allerdings leichtfertig zum Kreuz erklärt, was keines ist: Unpässlichkeit, Frust, Ärger.
Wenn Kinder in eine andere Richtung marschieren, als sie gedacht hatten, müssen Eltern solche Entscheidungen oft schmerzvoll ertragen. Oder wenn das Leben durch eine Krankheit abschätzbar begrenzt wird, kann der Betroffene nur lernen, damit zurechtzukommen. Ob eine Belastung für jemanden ein „Kreuz“ ist oder nicht, hängt davon ab, wie sehr es ihn tatsächlich bedrückt, wie sehr es das Leben streitig macht. Wenn Verzweiflung den Menschen überwältigt, ist das Kreuz (Jesu) sehr nahe. „Sein Kreuz tragen“ ist ein Bild und eine Redeweise für das, was uns im Leben an Leid zugemutet wird und im Glauben bewältigt werden soll.
Dennoch: Leiden hat in sich keinen Sinn. Es muss überwunden werden. Es bleibt allerdings ein erheblicher Rest. Es gibt das unausweichliche Leiden, das nicht überwunden werden kann. Das kann man nur tragen wie ein Kreuz. Keine noch so durchdachte Kreuzestheologie lindert Schmerzen! Wenn jemand traurig ist, helfen Worte kaum. Wer sich dann nicht entzieht, sondern zuhört oder sich nur still daneben setzt und nicht wegläuft, trägt mit.
Niemand kommt daran vorbei, die „Kreuze“ des Lebens zu tragen. Dennoch plädiere ich dafür, mit dem Wort von der Kreuzesnachfolge zurückhaltend umzugehen. Denn das Kreuz Christi, als Weg des Heiles für alle Menschen in seiner Auferweckung bestätigt – öffnet den Menschen den Himmel. Mit dieser Mitte der biblischen Botschaft möchte ich nichts so schnell in Vergleich bringen. Der vertrauensvolle Blick auf das Kreuz Jesu schenkt die Kraft, in das eigene „Kreuz“ einzuwilligen.
Msgr. Dr. Michael Hardt
J.-A.-Möhler-Institut,
Leostr. 19a, 33098 Paderborn







