Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kommentar

Katholiken in der Defensive

Ludwig Ring-Eifel ist Chefredakteur der Katholischen Nachrichtenagentur.

von Ludwig Ring-Eifel 

Zwei Themen machten auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag Schlagzeilen: der sexuelle Missbrauch in der Kirche und das spektakuläre Comeback der Ex-Landesbischöfin Margot Käßmann. Bemerkenswert war, dass in beiden Fällen die katholische Kirche unter Druck geriet. Bei den hitzigen Diskussionen über Missbrauch hatten die Bischöfe größte Mühe, ihr Festhalten an Zölibat und kirchlicher Sexualmoral zu erklären. Und nach Käßmanns taktlosem Pillenlob im katholischen Münchner Liebfrauendom suchten die düpierten Gastgeber, den Schaden durch betretenes Schweigen zu begrenzen. 

Die Reaktion auf Käßmanns Pillen-Predigt war beispielhaft. Nur wenige vertraten offen katholische Positionen in Sachen Sexualmoral. Die einen nicht, weil ihre Haltung ohnehin dem widerspricht, was die Kirche lehrt. Die anderen hielten sich bedeckt, weil sie den Fundamentalismus-Vorwurf fürchten. Die Furcht ist begründet. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck erhielt unlängst Tausende empörter Zuschriften wegen drei polemisch zugespitzter Worte in einer Talkshow („Homosexualität ist Sünde“).

In ihrer Not suchen manche Bischöfe einen Mittelweg zwischen Reden und Schweigen: Die katholische Kirche sehe die Dinge ganz anders als der liberale Flügel der evangelischen Kirche, betonen sie. Doch was das genau heißt, erklären sie nicht. – Dass es möglich ist, den Wert kirchlicher Sexualmoral allgemeinverständlich darzulegen, zeigte hingegen der Münchner Erzbischof Reinhard Marx im ÖKT-Interview der „taz“. Sprachlosigkeit breitet sich auch bei Ökumene-Themen aus. Ob bei der Frage nach Abendmahl und Eucharistie, beim Thema Frauen und Priesteramt oder beim Verständnis der Kirche. Überall scheint die katholische Kirche in der Defensive. Beim Abendmahl wirft man ihr Verweigerung der Gemeinschaft vor. Die Treue zum sakramentalen Vermächtnis Jesu gilt da schon fast als theologisch verschroben. Ähnlich sieht es beim Frauenpriestertum aus. Biblische Überlieferung und 2000 Jahre Tradition werden als gestrig abgetan. Unterschiede im Kirchenbegriff stoßen schließlich nur noch auf Unverständnis. Was katholische Redner vor diesem Hintergrund zu bieten haben, empfanden manche Zuhörer auf dem Kirchentag als „ein ewiges Herumeiern“. Dennoch zeigten sich Hoffnungsschimmer. So gab die Bischofskonferenz am Rande des Kirchentags die Gründung einer Zukunfts-Arbeitsgruppe bekannt. Zu ihr gehören die jungen Bischöfe Bode, Marx und Overbeck.

Sie haben keine leichte Aufgabe: Die katholischen Positionen in der deutschen Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts, 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, neu und verständlich zu formulieren. Dazu müssen sie sich aber aus einer Haltung lösen, die noch immer in Begriffen des 19. Jahrhunderts denkt – nämlich „konservativ“ und „fortschrittlich“. Vielleicht wird die katholische Kirche dann beim dritten Ökumenischen Kirchentag auskunftsfähiger sein als 2010 in München.

 


23.05.2012
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