Aktuelle Ausgabe
2012-20

Stammbaum mit vielen interessanten Personen

Jesus – ein Mann aus wirklich gutem Hause?

Die Fensterrosette in der Kathedrale „Unserer Lieben Frau“ in Antwerpen zeigt die „Wurzel Jesse“ mit Jesse/Isai (unten) und weiter im Uhrzeigersinn: David, Joschafat, Azor, Marias Vater Joachim (er kommt nicht in der Bibel vor), Maria mit Jesus, Josef, Eleasar, Ezechias/Hiskija und Salomon. In der Mitte ist Gottvater als höchster Herrscher zu sehen umringt von Engeln. Foto: Lukas Art

„Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ beginnt das Evangelium vom Heiligen Abend (Mat-
thäus 1,1–25). Doch unter den aufgeführten 48 Namen sind unfähige Könige, Ehebrecher, Huren, Betrüger, aber auch glaubensstarke Patriarchen, große Könige, treue Schwiegertöchter und mutige Reformer. Ein guter Querschnitt durch Gottes ausgewähltes Volk

von Roland Juchen

Entscheidend ist: Jesus stammt aus dem Geschlecht König Davids. Und unter dessen Nachkommen, so haben es Propheten versprochen, soll der ersehnte Erlöser sein. Weil aber Jesu Stammbaum eine solch illustre Gesellschaft ist, sei zum Fest seiner Geburt zusammengetragen, was die Bibel über einige so zu erzählen weiß. Am Anfang steht Abraham, der zunächst Abram (hebr. erhabener Vater) heißt und später Abraham (hebr. Vater der Menge). Ein alter Mann, der aus Verzweiflung über die Kinderlosigkeit seiner Frau den lang ersehnten Sohn mit seiner Dienerin zeugt, aber beide später in die Wüste schickt; der von seiner Frau Sara dann doch endlich einen Sohn bekommt, den aber später Gott opfern soll. Aber vor allem ist Abraham ein Mann, der stets auf Gott vertraut und damit zum großen Vorbild für Juden, Christen und Muslime wird.
Isaak ist der lang ersehnte Sohn Abrahams und Saras. Und der Beweis dafür, dass ein Versprechen Gottes tatsächlich eintrifft. Isaak, der das Brennholz, mit dem ihn sein Vater opfern will, selbst trägt, wurde für Christen zu einem Hinweis auf Jesus, der sein Kreuz trägt. Jakob, zweiter Sohn Isaaks und dessen Frau Rebekka, hat sich seinen Platz als Stammvater des Volkes Israel erschlichen. Für einen Teller Linsen kauft er seinem älteren Bruder Esau das so wichtige Recht des Erstgeborenen ab. Jakob, in der Bibel auch Israel genannt, hat zwölf Söhne. Und die, vom Ältesten Ruben, bis zum Jüngsten, Benjamin, sind die Stammväter der zwölf Stämme Israels.
Juda gilt als vierter Sohn Jakobs mit seiner Frau Lea. Die Gruppe des Volkes Israel, die sich auf ihn beruft, siedelt im Bergland südlich von Jerusalem, das daher ebenfalls Juda genannt wird. Aus dem Stamm Juda, später der mächtigste Stamm Israels, entwickelt sich der heutige Begriff Juden.
Mit seiner Schwiegertochter Tamar zeugte Juda die Zwillingssöhne Perez und Serach. Eine Skandalgeschichte ersten Ranges: Tamar droht trotz zweier Ehen kinderlos zu bleiben, für sie eine Schande. Daher verkleidet sie sich als Pros-tituierte und geht zu ihrem Schwiegervater, um sich von ihm schwängern zu lassen. Als Juda sie später wegen Unzucht anklagt, fliegt die Sache auf und Juda muss öffentlich zugeben: „Sie ist mir gegenüber im Recht“ (Genesis 38,26).
Von den folgenden sechs Personen, Perez bis Salmon, ist kaum etwas bekannt. Spannend wird es wieder mit Salmon, der ein Kind hat mit der Dirne Rahab (hebr. Wildheit). Die hatte den Kundschaftern Josuas vor der Einnahme Jerichos Unterschlupf gewährt (Josua 2,1-4). Aus Dank verschont Josua sie bei der Einnahme der Stadt. Rahabs und Salmons Sohn Boas ist ein begüterter, großzügiger Bauer aus Bethlehem. Durch seine Verwandte Noomi lernte er Rut kennen, die er bald darauf heiratet. Rut (hebr. Begleiterin) ist eine Frau aus dem mit Israel verfeindeten Moab. Zunächst heiratet sie Machlon, einen jüdischen Flüchtling.
Nach dem Tod Machlons geht Rut mit ihrer Schwiegermutter Noomi nach Bethlehem. Rut hat geschworen, Noomi nicht zu verlassen, denn „dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott“ (Rut 1,16). Dieser Schwur wird heute noch gesprochen, wenn jemand sich dem Volk der Juden anschließen möchte, obwohl er kein Jude ist. Der Geschichte der vorbildhaften Rut, der Urgroßmutter König Davids, ist ein eigenes Buch im Alten Testament gewidmet. Ruts Enkel ist Isai. Sein hebräischer Name wird in der lateinischen  Bibel als „Jesse“ umschrieben. Er ist die „Wurzel“, wie die Propheten Jesaja (11,1.10) und Micha (5,1) sagen, für David und seine Nachkommen, aus denen der künftige, gute Herrscher Israels hervorgehen soll. Isai war ein Bauer bei Bethlehem und hatte sieben, nach anderer Zählung acht Söhne. Auf jeden Fall war der jüngste David.
David (hebr. Liebling) ist der erste richtige König Israels (etwa 1000–961 v. Chr.). Später wird er zu dem guten Herrscher schlechthin stilisiert. David schmiedet die zwölf Stämme zu einem Reich zusammen, kann Israels Nachbarn unterwerfen, macht Jerusalem zur Hauptstadt und bringt die Bundeslade dorthin. Für einen Semiten ungewöhnlich soll er rötlich-blonde Haare haben und einen widersprüchlichen Charakter. Er gilt als wagemutig, geltungssüchtig, gerissen, klug, sexuell leicht erregbar, rachsüchtig, aber auch demütig, weil er trotz aller Eskapaden Gottes Willen erfüllt und Reue zeigt.
Davids Sohn Salomo wird geboren von Batseba, der Frau des Urija, eines führenden Militärs in Davids Diensten. Als David Batseba eines Abends im Hof des Nachbarhauses baden sieht, lässt er sie zu sich holen und verführt sie. Weil Batseba schwanger wird und Urija, im Ausland befindlich, nicht der Vater sein kann, sorgt David dafür, dass Urija im Krieg stirbt und heiratet Batseba. Zur Strafe lässt Gott ihr erstes Kind sterben, das zweite ist Salomo.
Salomo (hebr. der Friedfertige) regiert bis etwa 931 vor Christus. Außenpolitik betreibt er eher mit strategischen Eheschließungen anstatt mit Kriegen. In seiner Zeit erlebt das Reich eine wirtschaftliche Blüte. Der König selbst ist so reich, dass sich bis in Jesu Zeit die Redewendung hält von „Salomo in all seiner Pracht“. Außerdem baut er den ersten Tempel. Unter Salomos Sohn Rehabeam (931–914) zerfällt das Königreich Israel. Bei einem Treffen der Ältesten in Sichem fordern die zehn Nordstämme Erleichterungen von Jerusalem; Rehabeam will von Kompromissvorschlägen nichts wissen und sympathisiert mit Hitzköpfen, die mehr Druck auf den Norden ausüben wollen. Was folgt, sind jahrzehntelange, oft gewaltsame Spannungen zwischen dem Nord- und Südreich.
Asa, dritter König des Südreichs, regiert außergewöhnlich lange, von 911 bis 871 vor Christus. Einmal bittet er den König von Damaskus um Hilfe gegen das Nordreich und bezahlt dafür mit dem Tempelschatz. Dennoch tut Asa in der Erinnerung des Volkes Israel, wie David, „was dem Herrn gefiel“. Er dämmt wieder erstarkte kanaanäische Kulte ein, nimmt dabei auch keine Rücksicht auf seine Großmutter, die Anhängerin des Aschera-Kultes war.
Joschafat regiert von 871 bis 848, hat aber wohl seinen Sohn Joram früh als Mitregenten eingesetzt. Unter den beiden verbessert sich das Verhältnis zum Nordreich, sodass schließlich Joram Atalja heiratet, die Tochter des Nordkönigs Ahab. Joschafat gilt als einer der angesehensten Könige des Südreichs. Anders sein Sohn Joram, 848 bis 841 König von Juda. Während eines von ihm organisierten Aufstandes bringt er seine Brüder um. Er liebäugelt mit den zweifelhaften religiösen Kulten des Nordreichs und handelt sich einen Mahnbrief des Propheten Elija ein.
König Ahas (734–728) wird bekannt, weil der Prophet Jesaja seine Außenpolitik scharf kritisiert. Denn Ahas schließt mit der aufstrebenden Großmacht Assur eine Koalition gegen Damaskus und das Nordreich Israel. Schließlich erobert der assyrische König Tiglat-Pileser III. das Nordreich und verschleppt Teile der Bevölkerung. Deswegen, so Jesaja, wird Gott seine Verheißungen erst später einlösen und nicht mehr zu Ahas Zeit. Einige von Jesajas Sätzen im Disput mit Ahas gehören zu den schönsten biblischen Texten, die von der Erwartung des Messias sprechen: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und sie wird ihm den Namen Immanuel geben“ (Jesaja 7,14) oder „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“ (9,1ff.). Und so werden Jesajas oppositionspolitische Texte über 2700 Jahre später noch in christlichen Gottesdiensten im Advent und zu Weihnachten gelesen.
Asas Nachfolger Hiskija (728 bis 699) war einer der wenigen Könige, denen die Bibel ein gutes Zeugnis ausstellt. Aufgerüttelt durch den Untergang des Nordreichs und die Propheten Jesaja, Micha und Hosea setzt er politische und religiöse Reformen in Juda durch. Er wertet das Paschafest auf und schafft die Heiligtümer außerhalb Jerusalems ab. Außerdem lässt er einen nach ihm benannten Tunnel bauen, der Jerusalem ständig mit Wasser versorgt. Sein Sohn Manasse (699 bis 643) hingegen macht die Reformen wieder rückgängig. Er führt offiziell kanaanäische Kulte ein, beteiligt sich sogar an Kinderopfern. Nachdem er von den Assyrern verschleppt worden ist, bekehrt er sich aber zum Gott Israels.
Joschija (641bis 609) gilt als letzter großer König des Südreichs. Er setzt tief gehende innenpolitische und religiöse Reformen durch. Angestoßen sind die durch die Propheten Zefanja und Jeremia. Als bei der Restaurierung des Tempels im Jahr 622 ein Bundesbuch gefunden wird, entschließt sich Joschija, beraten durch die Prophetin Hulda, die Vorschriften des Buches umzusetzen. Sie finden sich im Buch Deuteronomium in den Kapiteln 12 bis 26.
597 vor Chr. wird Jojachin König von Juda, muss sich aber drei Monate später dem heranrückenden babylonischen König Nebukadnezzar ergeben. So verhindert er zwar erst einmal die Zerstörung Jerusalems, wird aber mit anderen nach Babylon verschleppt. Nach seiner Begnadigung 562 erhält er einen Posten am babylonischen Hof.
Jojachins ältester Sohn Schealtiël, der bereits mit ihm nach Babylon verschleppt worden war, kehrt nach Jerusalem zurück. Er wird dort Statthalter, eingesetzt von den Persern, die Babylon erobert und einigen Juden die Rückkehr nach Jerusalem gestattet haben. Schealtiëls Sohn Serubbabel gilt als erster maßgeblicher König nach dem Exil. Unterstützt von den Propheten Haggai und Sacharja bekämpft er die Resignation und betreibt den Wiederaufbau des Tempels.
Über die nachfolgenden Vorfahren Josefs, von Abihud bis Jakob ist weiter nichts bekannt.


23.05.2012
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