Aktuelle Ausgabe
2012-20

Bauforscher legen die ursprüngliche Struktur des zur St.-Jodokus-Gemeinde gehörenden Klosters frei

Jeden Tag eine Wundertüte öffnen

„Das ist ein Christuskopf.“ Pfarrer Josef Holtkotte (links) diskutiert mit dem Experten Andreas Ahlers den Fund. Fotos: Lakenbrink

Bielefeld. Es fühlt sich für die Bauforscher im Kloster Bielefeld derzeit so an, als würden sie jeden Tag eine neue Wundertüte öffnen. Denn die Renovierung des zur St.-Jodokus-Gemeinde gehörenden Klosterteils (der DOM berichtete) förderte erstaunliche Dinge bis ins 16. Jahrhundert zutage, die der Expertengutachtung bedurften. Doch so viel steht bereits fest: Ursprünglich hat das Kloster deutlich anders ausgesehen.

von Ruth Lakenbrink

„Im Laufe der Zeit ist in diesem Kloster sehr viel umgebaut worden, daher stand für uns immer fest, dass nicht allzu viel an historischem Bestand zu erwarten ist.“ Mit diesen Worten fasst der mit der Renovierung beauftragte Architekt Ludwig Kegel noch einmal die Erwartungshaltung zu Baubeginn zusammen.
Vor allem im Obergeschoss vermutete der Architekt durch die ähnliche Anordnung der Räumlichkeiten oberhalb des Kreuzganges eine Art „Winterkreuzgang“, wie er es nennt. Entsprechend wurde die Neuordnung der Räume geplant. Doch als die ersten abgehängten Decken und Wände aufgemacht worden waren, stellte sich dem Bauteam eine komplett neue Situation. Altes Fachwerk und ein rund sechs Meter hoher Mittelgang, von dem kleine Räume abzugehen schienen, tauchten im Obergeschoss auf. Schnell war klar, dass das einer Begutachtung von Experten bedurfte und so wurde das LWL-Amt für Denkmalpflege in Westfalen hinzugezogen, das die beiden Bauforscher Peter Barthold und Dr. Marion Niemeyer schickte.
Wochenlang haben die Forscher geklopft, gemessen, begutachtet und freigelegt, entdeckten Flure, Türdurchgänge, zwei Kamine und Reste einer besonderen Dachkonstruktion. Vor allem im Obergeschoss zeigten die Forschungen mehr und mehr, dass die ursprüngliche, dreiteilige Raumstruktur mit dem hohen Mittelflur so gar nichts mit den späteren Umbauten zu tun hatte. Untersuchungen des Holzes zeigten, dass das jüngste Holz aus dem Jahre 1510 stammt. Da das ehemalige Franziskanerkloster zwischen 1506 und 1516 erbaut wurde, lässt sich vermuten, dass die gefundene Raumstruktur recht original sein dürfte. Allerdings wurde bei späteren Umbauten Holz-Recycling betrieben, sodass sich die Umbaugeschichte nicht mehr nachvollziehen lässt.
Weitere Aufschlüsse ergab eine Untersuchung der Putzstruktur. So zeigte sich, durch eine Fülle farbiger Anstriche belegt, dass es im Obergeschoss des Westflügels einen großen Raum gegeben haben muss, der durchgängig beheizt wurde. „Welche Funktion dieser Raum einmal gehabt haben könnte, konnten wir allerdings noch nicht klären“, so Marion Niemeyer.
Neben Resten eines kunstvoll gestalteten Pressstucks aus dem späten 16. Jahrhundert, kamen auch Wandmalereien aus der Bauzeit des Klosters zum Vorschein. In einer Fensterleibung wurde eine an ein Weihekreuz erinnernde Malerei und im Nordflügel eine Art Medaillon mit den Buchstaben „IHS“, als Zeichen Christi gefunden. Außerdem entdeckte Experte Andreas Ahlers von der Paderborner Firma Ars Colendi noch eine Vorzeichnung einer Figur, die nie vollendet wurde. „Das ist ein geneigter Christuskopf“, meint Pfarrer Josef Holtkotte. Der Experte ist sich da aber noch nicht so sicher.
Wie mit den Befunden und der neuen Raumstruktur am sinnvollsten umgegangen wird, soll in den kommenden Wochen geklärt werden.


23.05.2012
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