Aktuelle Ausgabe
2012-20

Rabbiner-Brandt-Vorlesung: Präses Nikolaus Schneider zur „Judenmission“

„Israel ist nicht enterbt!“

Präses Nikolaus Schneider von der Evangelischen Kirche im Rheinland sprach bei der Rabbiner-Brandt-Vorlesung über die „Judenmission“. Foto: Plamper

Dortmund. Impulse für das interreligiöse Gespräch zwischen Christen und Juden bieten die Rabbiner-Brandt-Vorlesungen, die die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ehemals aus Anlass des 80. Geburtstages des Landesrabbiners im Jahr 2007 begonnen hat und seither einmal jährlich fortführt. Als Referent war Präses Nikolaus Schneider von der Evangelischen Kirche im Rheinland kürzlich in der St.-Mariengemeinde zu Gast und bezog zum Thema „Judenmission“ Stellung.

von Elisabeth Plamper

Diskussionsgrundlage bildete die Erklärung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZDK) „Nein zur Judenmission – Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen“ vom 9. März 2009. Der Präses erläuterte zunächst die aktuelle Position der evangelischen Kirche im Rheinland zum Verhältnis von Juden und Christen und erteilte der sogenannten „Judenmission“ eine klare Absage. „Nach meiner festen Überzeugung beschreiten Christinnen und Christen, Kirchen und ihre Missionsgesellschaften einen theologischen Irrweg, wenn sie im Namen des Evangeliums versuchen, Jüdinnen und Juden von jüdischem Glauben und jüdischer Lebensgestaltung abzubringen und sie zu Mitgliedern christlicher Gemeinden zu machen.“ Fast zwei Jahrtausende lang hätten die Irrtümer, dass das Volk Israel von Gott verworfen worden sei und Israel ein Volk wie jedes andere sei, die christliche Theologie beherrscht, so sein Fazit. „Israel ist von Gott nicht verworfen. Israel ist nicht enterbt. Die Kirche ist nicht an die Stelle Israels getreten, sondern an die Seite Israels berufen.“
In der Erklärung des ZDK heißt es: „Der jüdisch-christliche Dialog hat sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil als sehr fruchtbar erwiesen.“ Es zeige sich immer deutlicher, dass dieser Dialog aufgrund der einen Offenbarung Gottes, von der her sich das Judentum und die christliche Kirche je auf ihre Weise verstehen, die Grundlagen für alle Formen des interreligiösen Dialogs sei. Deshalb dürfe es für Christen keinen interreligiösen Dialog geben, der das einzigartige Verhältnis von Juden und Christen nicht eigens berücksichtige.
Die evangelische Kirche im Rheinland beschloss ihrerseits bereits auf der Landessynode 1980 den damals bahnbrechenden Beschluss „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ mit dem Tenor, dass sie „mit Israel auf einen neuen Himmel und eine neue Erde“ hoffe. Aus theologischer Sicht erläuterte Schneider seine Ausführungen anhand des Lebens und Wirkens des Apostels Paulus und betonte die jüdische Gewissheit, dass der Grund des Heils Gottes souveräne, bedingungslose Erwählung ist, die keiner menschlichen Vorleistung bedürfe. „Seine Initiative ist es, die über Heil und Unheil entscheidet“, sagte der Präses.
„Gemeinsam sagen wir im Gesprächskreis Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen und Nein zur Judenmission“, heißt es in der Erklärung des ZKD. „Weil Gottes Bund Israel bereits das Heil erschlossen hat“, brauche die Kirche nicht um das Heil Israels besorgt zu sein, die Juden nicht zum christlichen Glauben zu bekehren und sie nicht um ihres Heiles willen zur Taufe zu veranlassen. „Wenn das Zweite Vatikanische Konzil die Hoffnung sogar auf das Heil aller Menschen setzt, dann gilt dies nach unserer Überzeugung in besonderem Maße für die Juden, auch wenn sie nicht getauft sind. Im Letzten schaffet Gott Heil auf Wegen, die nur er kennt (Ad gentes 7,1; Gaudium et spes 22,5). Der alte Heilspessimismus, der im bekannten Satz ‚Außerhalb der Kirche kein Heil’ zum Ausdruck kommt, ist überwunden. Wann, wie und ob sich Juden und Christen auf ihrem Weg zum ‚Reich Gottes‘ begegnen, bleibt ein uns Menschen verborgenes Geheimnis Gottes.“ Das habe auch schon Paulus in seinen Römerbriefen in ähnlicher Form deutlich gemacht.


23.05.2012
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