Aktuelle Ausgabe
2012-20

Jesus erging es nicht besser als vielen anderen Propheten

In der Heimat glaubt man nicht

Der Prophet Elija wurde ständig angefeindet: Glasfenster der Oude Kerk in Delft.Foto: Buysch

Ein Mann steht mitten in der steinigen Bergwüste, scheinbar ganz allein. Er spricht vor sich: „Mit leidenschaftlichem Eifer bin ich für den Herrn, den Gott der Heere, eingetreten, weil die Israeliten deinen Bund verlassen, deine Altäre zerstört und deine Propheten mit dem Schwert getötet haben. Ich allein bin übrig geblieben und nun trachten sie auch mir nach dem Leben.“

 von Christoph Buysch

Die Anrede verrät es: Dieser Mann spricht zu Gott. Und seine Klage: Israel ist kein gutes Pflaster für Propheten. Im Gegenteil: Elija, so heißt der Mann, ist schon mehrfach auf der Flucht gewesen, musste sogar für eine Zeit sein Heimatland verlassen und war nach Norden in den Libanon ausgewandert, aus dem er erst im dritten Jahr wieder zurückkehrt. Am ehesten könnte man ihn als politischen Flüchtling bezeichnen, denn er tritt mit seiner Forderung, dass nur Gott JHWH allein verehrt werden dürfe, gegen die Einführung anderer Götter durch die Königin Isebel an. Die stammt aus Tyrus oder Sidon und hat ihre eigenen Götter mitgebracht, die sie nun auch in Israel verehrt wissen will. Für Elija ist seine Heimat ein Ort ständiger Anfeindungen und Verfolgung, wiewohl es auch dort einen „treuen Rest“ gibt, wie Gott selbst ihm eröffnet.
Und so trifft sich die Erfahrung des Gottesmannes Elija mit denen, die auch die alten griechischen Wanderprediger gemacht haben. Der Philosoph Epiktet schreibt im
1. Jahrhundert nach Christus: „Der Philosoph meidet seine Heimat“, und ein Kollege fügt hinzu: „In der Heimat glaubt man nicht.“ Das kann auch der Prophet Jeremia später im Alten Testament bestätigen.
Er stammt aus einer Priesterfamilie in Anatot, nicht weit von Jerusalem entfernt. In der Zeit, bevor Israel von den Babyloniern erobert und seine Oberschicht nach Babylon deportiert wird, predigt er gegen religiöse und sittliche Missstände. Schließlich überwirft er sich mit den letzten beiden Königen, die Israel in die Katastrophe führen. Jeremia aber wird nicht nur politisch verfolgt, die Gefahr ist ihm viel näher, wie er selbst berichtet: „Ich selbst war wie ein zutrauliches Lamm, das zum Schlachten geführt wird, und ahnte nicht, dass sie gegen mich Böses planten“.
Es sind die Leute aus seinem eigenen Heimatort, aus Anatot, „die mir nach dem Leben trachten und sagen: Du darfst nicht als Prophet im Namen des Herrn auftreten, wenn du nicht durch unsere Hand sterben willst“ (Jer 11,21). Es sind Mitbürger, Nachbarn, sogar Freunde und Verwandte, die Jeremias mahnende Worte nicht hören wollen und sich gegen ihn wenden, sogar sein Leben bedrohen. Gemeinsam stellen sie ihn vor die Wahl, weiter seiner Sendung als Prophet zu gehorchen oder aber von ihnen umgebracht zu werden.
Jeremia zerbricht an diesem Konflikt fast und bringt all seine Zweifel und seine Rachegedanken vor Gott. Er geht dabei sogar so weit, dass er glaubt, niemandem mehr trauen zu können: „Nehmt euch in acht vor eurem Nächsten, keiner traue seinem Bruder! Denn jeder Bruder betrügt und jeder Nächste verleumdet“ (Jer 9,3), klagt er. Zeitweise wurde Jeremia an diesem Konflikt so irre, dass er das Gegenteil zum Gebot der Nächstenliebe formuliert, wie Jesus es verkündet.
Auch Jesus hat es nicht einfacher angetroffen. Als er in seiner Heimatstadt in der Synagoge lehrt, staunen die Menschen zuerst über seine Weisheit, bevor sie anfangen, ihn kleinzureden. „Ist das nicht der Zimmermann? Leben nicht seine Schwestern unter uns?“ Für sie passt das nicht zusammen, dass einer „aus ihrem Stall“ nicht nur ein besonderer Mensch geworden ist, sondern sie auch noch belehren will. So erscheint es schon fast sprichwörtlich, wenn Jesus aus seiner Erfahrung und den Erfahrungen früherer Propheten schlussfolgert: „Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.“
Und das bewahrheitet sich sogar religionsübergreifend. Muhammad, den die Muslime als das Siegel der Propheten bezeichnen, wird in seiner Heimat Mekka mit seiner sozialkritischen Botschaft zunächst ignoriert. Als er drei Jahre später seine Botschaft in dem zweiteiligen muslimischen Glaubensbekenntnis „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist der Gesandte Gottes“ erneuert, kann er von den angesehenen Geschäftsleuten seiner Heimatstadt Mekka aber nicht mehr ignoriert werden. Da erklärt sich einer selbst zum Sprachrohr Gottes und bringt gleichzeitig das Wallfahrtsgeschäft zu den damals vielen Göttern der Kaaba in Gefahr.
Zuerst wird Muhammads Klan mit einem Boykott belegt, dann wird er selbst bei seinen Predigten von den Einwohnern Mekkas mit Dreck und Schafsinnereien beworfen. Schließlich schickt man junge Männer los, ihn zu töten. Muhammad jedoch kann fliehen und wird einige Jahre später zurückkehren, um seine Heimatstadt im Kampf zu unterwerfen.
Jesu weiterer Weg ist dagegen ein anderer. Obwohl sich viele für seine Botschaft begeistern, steigert sich die Ablehnung seiner Botschaft und seines Anspruchs als Sohn Gottes in Israel stetig weiter, bis die religiösen Autoritäten ihn auch nur noch aus dem Weg haben wollen. Der Evangelist Johannes wird später schreiben: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Wie Elija bleibt Jesus am Ende alleine übrig. Er aber weicht nicht aus und geht außer Landes, er geht seinen Weg zu Ende bis ins Reich des Todes. Doch schließlich, nachdem er aus diesem Land zurückkehrt, breitet sich seine Botschaft erst richtig aus.


23.05.2012
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