Aktuelle Ausgabe
2012-20

Bahnhofsmission Bielefeld hat bei anhaltendem Frost alle Hände voll zu tun

In Beobachtungs-Mission

Marcel Bohnenkamp, Leiter der Bahnhofsmission Bielefeld, zeigt den Schülerpraktikanten Benjamin Orth (Mitte) und Edhard Reifengerst, worauf sie auf dem Bahnsteig achten müssen. Foto: Lakenbrink

Bielefeld. Es ist bitterkalt an diesem frühen Morgen. Während draußen geschäftsmäßiges Treiben herrscht, Berufspendler auf dem Weg zur Arbeit durch den Tunnel hetzen, geht in dem kleinen Unterschlupf der Bahnhofsmission Bielefeld immer wieder die Tür auf. Die Besucher fragen vor allem nach Broten und einer heißen Tasse Kaffee, eine kurze Aufwärm­pause angesichts der anhaltenden Minustemperaturen. Der strenge Winter samt daraus resultierender Zug­ausfälle und Verspätungen bescherte den Mitarbeitern der ökumenischen Bahnhofsmission schon einige arbeitsreiche und stressige Tage.

von Ruth Lakenbrink

„Wir bieten so ziemlich das niederschwelligste Angebot, das man innerhalb kirchlicher Einrichtungen finden kann“, erklärt Marcel Bohnenkamp, Leiter der Bahnhofsmission Bielefeld, die gemeinsam vom Caritasverband für das Dekanat Bielefeld und dem evangelischen Gemeindedienst getragen wird. So sind es auch oft die alltäglichen Dinge, die vermeintlichen Kleinigkeiten, die den Dienst der Helfer mit den blauen Westen bestimmen.
Einer Frau im Rollstuhl beim Umsteigen helfen, einem älteren Ehepaar den Weg zum richtigen Abteil weisen oder einem aufgelösten jungen Mann trotz Zugausfalls zur Heimfahrt per Taxi zu verhelfen, all das gehört für die insgesamt 25 vorwiegend ehrenamtlichen Mitarbeiter zum Alltag. Rund 1 000 Hilfeleistungen erbringen diese pro Woche. „Wir sind sozusagen Mädchen für alles“, sagt Bohnenkamp lachend.
Vor allem bei strengem Frost, daraus resultierendem Verkehrschaos samt Zugausfällen und Verspätungen, haben die Mitarbeiter der Bahnhofsmission alle Hände voll zu tun. Dann benötigen Reisende Bescheinigungen über die Verspätungen oder Ausfälle, müssen alternative Verbindungen und Transportmittel oder gar Übernachtungsmöglichkeiten für die gestrandeten Reisenden gefunden werden. Aber auch für einen Komplettausfall spätabends gibt es einen Notfallplan. So stehen überall in der Stadt Schlafplätze zur Verfügung, die vermittelt werden können, beispielsweise bei einer Reihe von Privatpersonen.
Wichtig für die Arbeit sei es, aufmerksam zu sein, beobachten zu können und zu lernen, Situationen richtig einzuschätzen. Wie das geht, erklärt der Missionsleiter sogleich den zwei neuen Praktikanten der katholischen Marienschule Bielefeld, für die an diesem Morgen ihr Praktikum bei der Bahnhofsmission beginnt. Bei einem Training auf dem Bahnsteig versucht Bohnenkamp die Schüler Benjamin und Edhard, für Gefahrensituationen zu sensibilisieren, etwa das zappelnde Kind, das sich jeden Moment von der Hand der Mutter loszureißen droht. Wichtiger Tipp: „Ich frage in Westfalen nie: ‚Kann ich Ihnen helfen?’ Ich frage: ‚Sie kommen zurecht, oder?’“, erklärt Bohnenkamp einen kleinen aber wichtigen psychologischen Kniff, der gewährleistet, dass die Menschen die angebotene Hilfe eher annehmen.
Viel schwieriger sei es oft, zu den Obdachlosen und Bedürftigen durchzudringen. Es erfordere viel Geduld, häufig über Wochen und Monate, bevor man ein Hilfeangebot machen könne, so Bohnenkamp. Und wenn es auch nur das Frühstücksbrot, die Tasse Kaffee oder der Schlafplatz für eine Nacht ist. Denn: „Not hat Scham.“ Zudem ginge die Desozialisierung bei Obdachlosen schnell vonstatten.
Daher dauere es auch sechsmal länger, jemanden von der Straße zu bekommen, als er bereits darauf verbringt. Angesichts der Tatsache, dass obdachlose Männer durchschnittlich nur sechs Jahre auf der Straße überleben, Frauen gar nur drei, eine schwierige Situation. Lassen sie sich helfen, ist schnelle und zuverlässige Hilfe gefragt, etwa die Vermittlung an die sozialen Dienste der Träger, „auf kurzem Wege und punktge­nau“, so Bohnenkamp, um das brüchige Vertrauen nicht zu zerstören.


23.05.2012
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