Aktuelle Ausgabe
2012-20

Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt

Im Kleinen funktioniert das Teilen

Im Kleinen fällt das Teilen auch international meist leicht: Schulbroten oder Pizza.

 „Mist!“, dachte die Mutter, als sie morgens gegen zehn einen Blick auf den Küchentisch warf. Da stand die Butterbrot-Dose der Tochter. Voll. „Und Miriams Magen ist sicher leer“, überlegte die Mutter und machte sich leichte Vorwürfe. Schließlich ist das Kind dünn wie ein Strich, und bei einer Sechsjährigen ist doch irgendwie noch die Mutter für das Frühstück verantwortlich. „Sie wird schon nicht verhungern ...“. Mittags um eins schellte es an der Tür. „Tut mir leid, Miriam“, entschuldigt sich die Mutter beim Öffnen, „du hast bestimmt einen Bärenhunger, so ganz ohne Schulbrot“. „Nö“, antwortete sie und grinste, „ich hatte das beste Frühstück von allen!“ „Wieso?“ Und Miriam erzählte …

Die ersten beiden Schulstunden waren vorbei. Mathe und Deutsch. Es klingelt. Wie an Miriams Schule üblich bleiben alle auf ihrem Platz. Zehn Minuten Frühstückszeit, erst dann geht es für 20 Minuten hinaus zum Toben. Miriam greift in die leere Seitentasche und stutzt: keine Butterbrotdose. „O Mann, Mama!“, denkt sie, und der Magen knurrt die Begleitmusik. „Ich hab kein Frühstück mit“, sagt sie zu ihrer Banknachbarin. Weil sie ziemlich weit vorne sitzt, hat es auch die Klassenlehrerin gehört. Was tun?
„Der Ort ist abgelegen“, sagten die Jünger zu Jesus und in der Tat: Auch an der Schule ist kein Bäcker weit und breit. Jesus war Optimist: „Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen.“ Und es klappte. „Alle aßen und wurden satt.“ In der Schule klappte es auch. „Miriam hat ihr Frühstück vergessen“, sagte die Lehrerin noch einmal laut und holte einen Teller aus dem Schrank. „Was meint ihr: Könnt ihr etwas abgeben?“ Viele konnten. Als der Teller an Miriams Platz kam, war er randvoll: ein halbes Käsebrot, zwei Mini-Salamis, ein paar Cornflakes, einige Rosinen, ein Stück Traubenzucker und sogar ein bisschen Nutella-Brötchen. Sie aß und wurde satt und konnte sogar von ihrem Teller wieder abgeben. Was beweist: Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden zumindest im Kleinen alle satt. Und aus einer vergessenen Butterbrotdose wird das beste Frühstück von allen.
In Miriams Klasse war genügend Nahrung vorhanden; sie musste nur anders verteilt werden. Im Prinzip genauso sieht es auf unserem Globus aus. Für den rechnete die Welternährungsorganisation FAO 2002 vor, dass die derzeitige Menge an Nahrungsmitteln ausreichen würde, um zwölf Milliarden Menschen, also fast das doppelte der Weltbevölkerung, mit durchschnittlich 2100 Kilokalorien täglich zu versorgen. Noch nie zuvor waren Lebensmittel in solchem Überfluss vorhanden. Gebt ihr ihnen zu essen – und am Ende bleiben noch viele Körbe übrig…?
Da sei auch die Frage erlaubt: Was kann Musterfamilie Müller hierzulande tun, um ihren, wenn auch noch so kleinen Beitrag gegen den Hunger in der Welt zu leisten? In der Summe müssten Hunderte Millionen Verbraucher doch einiges bewegen können? Experten wie Heinz Oelers, Referent für ländliche Entwicklung bei Misereor in Aachen, seufzen erst einmal bei einer solchen Frage.
Gegen die Rechtsunsicherheit in vielen Ländern, die verhindert, dass Kleinbauern Land effektiv bewirtschaften, kann Familie Müller von Deutschland aus noch wenig tun. Müllers können Energie sparen. Der Klimawandel beeinflusst auch die Landwirtschaft und der Anbau von Biotreibstoffen verdrängt und verteuert Nahrungsmittel.
Müllers sollten, so Oelers und andere Experten, heimisch erzeugte Lebensmittel und fair gehandelte Importprodukte bevorzugen. Denn für billige Exportprodukte wird in Lateinamerika, Afrika oder Asien viel Land geopfert, auf dem Nahrungsmittel für hungernde Einheimische angebaut werden könnte. „Aber auch viele Produkte ohne Fair-trade-Siegel sind völlig okay, wenn es um ökologische und soziale Standards geht“, sagt Oelers.
Gleich einer Checkliste stellen sich den Müllers also folgende Fragen: Wie ernähre ich mich? Was kaufe ich? Wie engagiere ich mich politisch? Wie lege ich mein Geld an? Wer solche Fragen gründlich beantworten will, braucht viel Zeit und Mühe. Zu komplex sind viele Zusammenhänge, die Folgen einer Maßnahme oft gar nicht absehbar.
Zudem widersprechen die Experten einander. Propagieren die einen weiter die „Grüne Revolution“, um steigende Menschenzahlen zu ernähren, warnen andere vor der beschleunigten Industrialisierung der Landwirtschaft und der Abhängigkeit von Saatgut- und Düngemittelfirmen, die viele Bauern in den Ruin treibt. Entwicklungshilfepolitiker und Rockstars rufen zu Spenden auf. Wirtschaftsfachleute aus Afrika verteufeln dagegen die Spendenwirtschaft, weil sie – neben subventionierten Exporten – die einheimische Landwirtschaft zerstöre und Korruption fördere. Ebenso gestritten wird um Liberalisierung oder Regulierung der Agrarmärkte.
Was im kleinen überschaubaren Klassenzimmer geht – aus der Schulbrotdose zu teilen –, funktioniert in der großen weiten Welt nicht. So wie Miriam sich nicht täglich von ihren Mitschülern versorgen lassen kann, müssen die Hungernden der Welt vor allem die Chance erhalten, sich selber zu ernähren. Daher sagt Heinz Oelers selbstkritisch: „Viele gute Ratschläge aus dem Norden haben den Karren mit in den Dreck gefahren.“ Die vermeintlichen Experten in den Industriestaaten „lernen viel mehr von den Meschen vor Ort im Süden, weil sie sich auskennen.“ – Gebt ihr ihnen zu essen, in dem ihr sie ihr Essen anbauen lasst.
Susanne Haverkamp
und Roland Juchem


23.05.2012
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