Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Im Himmel gibts kein Bier

Professor Dr. Msgr. Michael Kunzler ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät Paderborn.

 Kann Gott uns auf ewig glücklich machen? Diese Frage stellt sich der Paderborner Liturgieprofessor Dr. Michael Kunzler in Bezug auf das heutige Evangelium. Wie es im Himmel letztlich wirklich zugehen sollte, da gehen die Meinungen auseinander.

von Prof. Dr. Michael Kunzler

Er war ein äußerst liebenswürdiger Kapuzinerpater, und er liebte ein gepflegtes Glas Bier. Einer seiner Trinksprüche lautete: „Im Himmel gibts kein Bier, drum trinken wir es hier.“ Er konnte es sich nicht vorstellen, dass zu den Freuden des Himmels auch ein gutes Bier gehören könnte. Der Himmel ist für die allermeisten Menschen etwas sehr Abstraktes, in dem irdische Genüsse wie Essen und Trinken keinen Platz haben. Kann und will uns der gute Gott im ewigen Leben glücklich, gar selig machen, wenn all das keinen Wert mehr haben soll, was uns auf Erden lieb und teuer war? Und dann will uns Jesus noch eine Speise geben, die für immer satt macht, einen Trank, der uns nie mehr dürsten lässt. Wollten wir eine solche Speise? Was hätten wir damit alles verloren, etwa die Vorfreude auf ein Festmahl oder die Erfahrung von Freundschaft in geselliger Runde bei einem gepflegten Pils oder einem guten Wein.
Freilich, wenn jemand Tag für Tag unter Hunger und Durst leiden muss, wenn man nicht weiß, ob der nächste Tag für die Familie genügend Nahrung bereitstellen wird, in Zeiten und Regionen von Hungersnot, da kann man sich diese Speise schon wünschen, die den Hunger für immer stillt. Aber für uns durchschnittliche Menschen: Wäre es wirklich wünschenswert, Hunger und Durst für immer überwunden zu haben? Würden uns nicht wesentliche Lebenserfahrungen fehlen? Zudem besagt ja auch das Wörtchen „satt“ etwas Negatives, etwa dann, wenn jemand aus Frust oder Verzweiflung alles und jeden „satt hat“, die Freude am Leben und an den Mitmenschen gründlich verloren hat.
Allen Menschen aber ist ein tiefer Hunger nach Leben eigen, nach Gemeinschaft mit lieben Menschen, nach Sinn und Frieden, nach Gesundheit und Angenommensein. Was den leiblichen Hunger betrifft, hat die Menschheit schon beträchtliche Fortschritte gemacht, die früher als unvorstellbar gegolten hätten. Anders aber verhält es sich beim Hunger nach Leben: Nichts und niemand auf Erden vermag ihn zu sättigen. Das Beste und Schönste auf Erden genügt nicht, den Lebenshunger zu stillen. Alles hat ein Ende, immer bleibt ein Resthunger ungestillt zurück, alles steht unter der furchtbaren Macht von Sünde und Tod. „Nur Gott allein ge-nügt“, sagte die heilige Theresia von Avila. Allein Gott macht satt, stillt den Lebenshunger, und er tut dies, indem er uns seinen Sohn gesandt hat, der von sich selber sagt, er sei „das Brot des Lebens“.
Er ist der Garant dafür, dass alles Hungern nach einem Leben, das diesen Namen auch wirklich verdient, keine leere Sehnsucht bleibt, sondern erfüllt wird: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Viele Bilder gebraucht Jesus, um an-zudeuten, was die Menschen im Himmel erwartet; viele von ihnen haben mit unseren irdischen Erfahrungen der Mahlgemeinschaft bei Essen und Trinken zu tun.
Sicherlich sprengt das Glück der Seligen alle unsere irdischen Vorstellungen. Und doch können wir fest darauf vertrauen, dass Gott uns so selig machen kann und will, dass kein Rest von ungestillter Sehnsucht zurückbleibt. Es wird im Himmel nicht irdisch zugehen, sondern so viel besser und herrlicher wird es sein, wie es sich auf Erden kein Mensch vorzustellen vermag. Unser guter Kapuzinerpater wird sich bei seinem Eintritt in den Himmel wohl verwundert die Augen gerieben haben, dass es wo-möglich im Himmel doch ein Bier gibt, und dazu eines, das so gut ist, wie es auf Erden kein Braumeister herzustellen vermag.   


23.05.2012
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