Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Hoffnung beugt Atemnot vor

Sr. Laetitia Eberle ist Augustiner Chorfrau und Prokuratorin des Michaelsklosters in Paderborn.

Aus der Hoffnung leben und über den Grund unserer Hoffnung Auskunft geben, das ist unsere Chance und Aufgabe. 

von Sr. Laetitia Eberle 

Wurden Sie schon einmal nach der Hoffnung gefragt, die Sie erfüllt oder eher nach Ihrem Friseur, der Ihr ohnehin gutes Aussehen optimiert hat? Ein ansprechendes Äußeres gehört zu einer gesunden Selbstliebe. Aber ich frage mich im Zusammenhang mit der heutigen zweiten Lesung, ob es nicht ebenso wichtig ist, Hoffnung auszustrahlen?

 Eine unüberschaubare Bücherflut gibt es zum Thema: „Positiv denken“. Es zeigt sich jedoch, dass man eine solche Haltung nur erlangt, wenn man von einer tragfähigen Hoffnung erfüllt ist. Die Ausstrahlung solch „positiver“ Menschen ist lebendig. Sie schenkt in Begegnungen Leben, Mut und Zuversicht. Früher sagte man über eine Frau, die ein Kind erwartete, sie sei „in Hoffnung“. Als Christen sind wir alle herausgefordert, in Hoffnung zu leben. Das heißt, so zu leben, dass wir – egal, was sich in unserem Leben ereignet – darauf setzen, dass Gott jeden einzelnen Menschen in seiner Hand birgt. 

Gerade in der Osterzeit werden wir daran erinnert, dass das Leben in allen unseren Lebenslagen stärker ist als der Tod. Eine Frau, die „in Hoffnung“ ist, weiß, dass die Geburt ihres Kindes schmerzhaft werden wird. Auf unser Leben übertragen heißt das: Hoffnung kann weh tun, weil sie uns Vertrauen auf das Gute abverlangt, weil sie uns nicht bei der Sprachlosigkeit stehen lässt, sondern zum Weitergehen animiert. Jesus schrie in seiner Verlassenheit und in seinem Schmerz am Kreuz. Und er vertraute sich dem Vater an, von dem allein er Leben und Liebe erwarten konnte und nicht enttäuscht wurde. Wer in der tiefsten Verzweiflung Gott anreden, seine Hoffnung auf ihn setzen kann, der lebt nicht für sich selbst. Er öffnet sein Herz und sein Schrei wird zum Geburtsschrei neuen Lebens. Das erste, was der Mensch nach seiner Geburt tut, ist schreien. Man kann übertragen auch sagen, seine Hoffnung weitersagen. 

Der Schweizer Theologe Emil Brunner schreibt in seinem Buch „Das Ewige als Zukunft und Gegenwart“: „Was der Sauerstoff für die Lunge ist, das bedeutet die Hoffnung für die menschliche Existenz. Nimm den Sauerstoff weg, so tritt der Tod durch Ersticken ein. Nimm die Hoffnung weg, so kommt die Atemnot über den Menschen.“ Der Apostel Petrus ruft dazu auf, dass wir „in unserem Herzen Christus, den Herrn, heilig“ halten sollen. Das heißt, wir sollen eine Christusfreundschaft pflegen, uns einschwingen in die in uns lebende und wirkende Liebe zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist. Diese Gottverbundenheit setzt lebensnotwendigen Sauerstoff frei, der uns davor bewahrt, kurzatmig zu werden, gerade dann, wenn uns die Begebenheiten und Menschen um uns herum die Luft zum Atmen nehmen. 

Unsere Hoffnung weitersagen kann für andere zur lebensnotwendigen Beatmung werden. Sorgen und Ängste lähmen. Die Hoffnung dagegen bewegt und belebt. Wenn, wie wir sagen, die Hoffnung „stirbt“, dann sterben eher unsere Wünsche und Vorstellungen. Eine auf Gott bezogene Hoffnung ist ausgerichtet auf den Ostermorgen. Der Stein, der den Toten im Grab bergen soll, ist weggerollt. Die Tücher, die ihn verhüllten, sind zur Seite gelegt. Der Tod hat seine Macht verloren. Die Atemnot ist überwunden; die Atemwege sind frei, Hoffnung ein- und auszuatmen! Das braucht nicht überschwänglich zu sein, sondern „bescheiden und ehrfürchtig“, wie der Apostel Petrus uns rät. Oder in einem Liedtext der Communauté de Taizé ausgedrückt: „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht’ mich nicht.

 

 


23.05.2012
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