Neue Betreuungskräfte in der Pflege unterstützen demenzkranke Menschen in der Freizeit
Hilfe beim Ausflug in den Dom
Paderborn/Hamm. „Was für ein schöner Ort. Waren Sie da öfter?“, fragt Brigitte Reichel freundlich. Zusammen mit Franz Rebbe beugt sie sich über ein Fotoalbum, zeigt mit dem Finger auf einen Kirchturm. „In Mittenwald haben wir jedes Jahr drei Wochen Urlaub gemacht“, entgegnet der Rentner mit langsamer Stimme. Der 83-Jährige ist Bewohner im Altenzentrum St. Veronika in Paderborn. Er leidet an Demenz. Bei ihm wurde eine „eingeschränkte Alltagskompetenz“ diagnostiziert. Er ist, wie es im Fachjargon heißt, „besonders betreuungsaufwendig“.
von Michael Ruffert
Deshalb besucht ihn Brigitte Reichel regelmäßig. Sie arbeitet als „Betreuungskraft“ im Veronikaheim – ein Job, der in der Altenhilfe noch relativ neu ist. Das im Juli 2008 in Kraft getretene Pflegeweiterentwicklungsgesetz macht es möglich. Es sieht vor, dass Menschen wie Franz Rebbe besonders betreut werden sollen. Wenn der Medizinische Dienst der Krankenkassen die Pflegestufen festlegt, entscheidet er jetzt auch über die Alltagskompetenz. Für jeden Bewohner, der besonderes „betreuungsaufwendig“ ist, erhalten die Wohn- und Pflegeheime 100 Euro.
Dafür müssen sie „Betreuungskräfte“ einstellen, die sich um die meist demenzkranken Menschen kümmern. „Wenn 25 Einwohner in einer stationären Einrichtung die Voraussetzungen erfüllen, kann eine volle Stelle eingerichtet werden“, erläutert Hans-Werner Hüwel, Fachbereichsleiter für Alten- und Krankenhilfe bei der Caritas Paderborn. Die Betreuer und Betreuerinnen müssen vorher eine Ausbildung absolvieren. Sie dauert im stationären Bereich 160 Stunden.
Ursprünglich sah der Gesetzgeber vor, dass vor allem Langzeitarbeitslose zum Einsatz kommen sollen. In der Praxis hat sich das nicht bewährt. „Wer lange arbeitslos ist, verfügt nicht unbedingt über die Kompetenzen, einfühlsam mit alten Menschen umzugehen“, sagt Hüwel bedauernd.
Das hat auch Birgit Hasenbein festgestellt, Wohnbereichsleiterin für Menschen mit Demenz im Veronikaheim. Sie bildet die „Betreuungskräfte“ für die Caritas aus – in den Lehrgängen hat sie festgestellt, dass die Langzeitarbeitslosen für die Tätigkeit „nicht geeignet“ waren.
Brigitte Reichel war vorher Zahnarzthelferin. Dann hat sie beruflich ausgesetzt, zwei Kinder bekommen – und wollte schließlich wieder „mit Menschen zusammenarbeiten“. Zunächst war sie in der ambulanten Hilfe tätig. Denn auch für die Unterstützung demenzkranker Menschen zu Hause können die neuen Betreuer eingesetzt werden. Bei besonders hohem Betreuungsaufwand sieht der Gesetzgeber dann sogar 200 Euro pro Pflegefall vor.
Brigitte Reichel kümmert sich derzeit um zwölf bis 16 Bewohner im Veronikaheim. Die 39-Jährige hat noch zwei Kolleginnen, die teilzeitbeschäftigt sind – denn insgesamt erfüllen 30 der 73 Bewohner des Heimes die Voraussetzungen für die besondere Betreuungsleistung.
Mit Franz Rebbe sieht sich Brigitte Reichel regelmäßig Fotos an. Oder geht mit ihm spazieren. „Jetzt planen wir einen Ausflug in den Dom“, erzählt sie. Denn da will der Rentner unbedingt mal wieder hin. „Ich bin katholisch und will es auch bleiben“, antwortet er verschmitzt auf die Frage nach seiner Religionszugehörigkeit.
Die Kosten für die Betreuung übernehmen die Pflegekassen. Zu Anfang gab es dabei durchaus Probleme. So klagt Johannes Kochanek, Leiter des Altenheimes Reginenhauses in Hamm, das fast jede Kasse anders abrechnen wollte. Einige stellten Monatsrechnungen, dann sollten die Bewohner in Vorleistung treten. Für ihn war das Verfahren „sehr bürokratisch“. Bei einigen, durchaus bedürftigen Bewohnern seines Heimes sei zudem die „eingeschränkte Alltagskompetenz“ nicht anerkannt worden. So bestehe die Gefahr, „dass sozialer Unfrieden in den Einrichtungen geschürt wird“, klagt Kochanek.
Stefanie Heinekamp, Referatsleiterin für Altenhilfe beim Caritasdiözesanverband für das Erzbistum Paderborn, räumt ein, dass es zunächst durchaus Probleme mit einigen Kassen und den Gutachten gab. Inzwischen seien die Schwierigkeiten aber gelöst – nach einer „Impuls-Rechnung“ würden die monatlichen Kosten von den Pflegekassen übernommen. Nach ihrer Erfahrung wird die neue Regelung in den meisten Pflege- und Altenheimen des Erzbistums inzwischen gut angenommen.
Auch Hans-Werner Hüwel sieht die Vorteile des neuen Gesetzes demenzkranke Menschen hätten nun zumindest für einige Stunden in der Woche eine zusätzliche Person, die sich um sie kümmert.
Brigitte Reichel plant schon mit der Bewohnerin Brigitte Kühnhold einen Ausflug. Die 65-Jährige sitzt wegen einer Nervenkrankheit im Rollstuhl. Sie geht trotzdem gerne „shoppen“ und will mal wieder in das Paderborner Südring-Center, „um einzukaufen“.







