Aktuelle Ausgabe
2012-20

Auftakt der Veranstaltungswochen „ganz normal dement“ im Gymnasium Theodorianum Paderborn

Herausforderung Demenzgesellschaft

Diskutierten über die demenzfreundliche Stadt: (von links) Theresia Pieck, Josef Stiewe, Christoph Menz, Birgit Hasenbein, Michael Kramps und Michael Ganß.Foto: Flüter

Paderborn. Jeder Dritte wird daran erkranken, jeder kennt einen, der daran leidet, aber niemand redet darüber: Demenz. Gegen das Schweigen setzen die kreisweiten Aktionswochen „ganz normal dement“ ein Zeichen. Gleich die Auftaktveranstaltung überraschte jetzt mit provozierenden Thesen.  

Für die überraschenden Argumente war an diesem Abend in der Aula des Theodorianums in Paderborn der Gastredner verantwortlich. Michael Ganß, Gerontologe, Kunsttherapeut und Herausgeber der Zeitschrift „Demenz“. Er schlägt vor, Demenz zu normalisieren. Das gesellschaftliche, defizitäre Bild des hilflosen Dementen ist eindimensional, sagt er, die permanente Hilfestellung für Menschen mit Demenz häufig nur ein Reflex der Hilflosigkeit bei den Helfern. Nicht das Verhalten der Menschen mit Demenz sei irritierend, sondern das Verhalten der Gesellschaft. 

Diese Radikalität ging einigen Teilnehmern der Podiumsrunde zu weit. Zum Beispiel Josef Stiewe: Der Altenbekener übernimmt im Auftrag des Caritas-Verbandes Paderborn ehrenamtlich die stundenweise Betreuung von Menschen mit Demenz, damit die Angehörigen Zeit für sich selber haben. Er findet, dass Menschen mit Demenz Hilfe brauchen, am besten in einem Unterstützungsnetzwerk, wie es der Caritas-Verband aufgebaut hat. Je früher die Hilfe einsetzt und je eher die Erkrankung bekannt ist, desto besser. Das lässt dem Betroffenen und seiner Umgebung Zeit, sich auf die Situation einzustellen

Dass Michael Ganß vieles richtig beschrieben hat, kann Theresia Pieck aus eigener Anschauung bestätigen. Die Demenz ihres Mannes wurde von Fachärzten jahrelang als Depression diagnostiziert. Als die Diagnose bekannt war, erlebte sie, wie sich alte Freundschaften plötzlich auflösten. 

Solche Beispiele zeigen: Demenz wird immer noch am Makel wahrgenommen und führt in die „doppelte Ausgrenzung“, wie Michael Ganß sagt: Rückzug der Betroffenen und Distanzierung der sozialen Umwelt. Auch deshalb, so ist seine Überzeugung, brauchen Menschen mit Demenz statt staatlicher Fürsorge vor allem Offenheit und Teilhabe – eine bürgerliche Gesellschaft, die Menschen mit Demenz im Alltag akzeptiert. 

Paderborn ist dabei weiter als andere Kommunen. Das liegt auch an dem Netzwerk, das die Stadt aufgebaut hat. Vor allem ehrenamtliches Engagement wird unterstützt, wie Michael Kramps vom städtischen Seniorenbüro den Weg zu einer „demenzfreundlichen Stadt“ beschrieb. 

Die Pflegeprofis brauchen diese Unterstützung von freiwillig engagierten Mitbürgern. Die große Zahl neuer Erkrankungen wird das Gesundheitssystem auch im Kreis Paderborn überfordern, sagt Birgit Hasenbein, Gerontopsychiatrische Fachkraft beim Caritas-Verband.

 


23.05.2012
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