Der ehemalige Gefängnisseelsorger Petrus Ceelen sprach über „Wegsperren“
Grundgefühl des Ausgeliefertseins
Bielefeld. „Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass wir ohne Gefängnisse auskommen.“ Dennoch gibt es nach Ansicht von Petrus Ceelen, längjähriger Gefängnisseelsorger und Buchautor aus Stuttgart, einiges im deutschen Strafvollzug, was verbesserungswürdig wäre. Seine nicht unumstrittenen Ansichten legte er auf Einladung der Katholischen Bildungsstätte (KBS) Bielefeld in einem Vortrag vor großem Publikum dar.
von Ruth Lakenbrink
„Wegsperren! Strafe als Weg zu Sühne, Versöhnung und Besserung?“ lautete das Thema des Vortrags. Nach Ansicht von Ceelen eine Frage, die nicht mit einem Fragezeichen versehen werden müsste, sondern mit hundert. In seiner Zeit als Gefängnisseelsorger habe er die Erfahrung gemacht, dass sich bei den meisten Gefangenen die Haft eindeutig negativ auswirke. „Das Grundgefühl ist das den völligen Ausgeliefertseins“, so Ceelen.
Das Gefühl, dass einem das eigene Leben nicht mehr gehöre führe bei vielen Gefangenen zum starken Realitätsverlust, zur Wut auf den Staat oder zu schweren Depressionen. Viermal so hoch sei die Suizidrate bei Häftlingen, so Ceelen. Zur Sühne, zur Auseinandersetzung mit der eigenen Tat komme es dagegen oftmals nicht. „Eines Tages werden die Straftäter entlassen und sind dann häufig noch gefährlicher als vorher.“
Die Haft selber sei meistens von Brutalität gekennzeichnet, der Zellenboss bestimme, wo es lang gehe, Gefangene seien ständigen Gängeleien ausgeliefert. Die häufige Überbelegung der Zellen fördere die brutale Subkultur zusätzlich. „Der Staat sollte nicht mehr Gefangene einsperren, als er menschenwürdig unterbringen kann“, lautet daher Ceelens Fazit.
Viel zu häufig sei die sogenannte „Resozialisierung“ der Gefangenen nicht mehr als ein Wegsperren, eine Verwahrung, so Ceelens Ansicht, der auch den Begriff der Schuld grundsätzlich als problematisch ansieht, da nicht jede Schuld gleichermaßen bestraft würde.
Als Beispiele nannte Ceelen Umweltsünder oder aus aktuellem Anlass die Investmentbanker, die Milliarden verzockt hätten. „Diese haben der Gemeinschaft einen weit größeren Schaden zugefügt, als alle Diebe zusammen.“ Doch leider sei es allzu oft noch eine Tatsache, dass die Männer in feinen Anzügen und weißem Kragen ungeschoren davonkämen.
Auch die Tatsache, dass sich der Genuss von Alkohol in Deutschland strafmildernd auswirke, stellte Ceelen grundsätzlich in Frage. „Jeder fünfte Tote im Straßenverkehr ist eine Alkoholleiche. Doch die Täter finden Sie nicht in den Gefängnissen.“
„Kritik ist leicht, doch es ist schwer, Alternativen aufzuzeigen“, erklärte Ceelen und nahm damit den möglichen Kritikern im Publikum den Wind aus den Segeln. Nach seiner Auffassung müsse deutlich mehr in Sachen Prävention getan werden, beispielsweise mehr Streetworker eingestellt oder bessere Sprachförderung für Migranten geleistet werden.
Viele der Straftäter hätten so etwas wie ein Familienleben nie kennengelernt. Daher ginge es in vielen Fällen eher um Sozialisierung als um Resozialisierung. Für solche Fälle favorisiert Ceelen eine familienähnliche Unterbringung in WGs statt des Wegsperrens im Knast. Allerdings sehe das deutsche Rechtssystem derzeit noch zu wenige Alternativen zur Bestrafung durch Inhaftierung vor, so der ehemalige Gefängnisseelsorger.
Doch nicht immer, auch dessen ist sich Ceelen bewusst, würde eine ganz intensive Betreuung des einzelnen tatsächlich funktionieren. „Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass wir alle heilen können. Manche wollen sich gar nicht in so etwas wie ein bürgerliches Leben integrieren.“ Es gebe Intensivtäter, die eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen und vor denen die Menschen geschützt werden müssten.
Aber: „80 Prozent der Gefangenen sitzen wegen Eigentumsdelikten. Was haben wir davon, wenn wir die zusammen mit anderen einsperren, die sich auch nicht an die Gesetze halten?“, fragte Ceelen provokant in die Runde.
Und erntete wenig Widerspruch. Sein Credo, dass viele Häftlinge erst durch den Knast richtig kriminell geworden seien, schien die Zuhörer zu überzeugen. Viele bestätigten aus ihrer eigenen Erfahrung, dass Vertrauen helfen würde, die straffällig gewordenen Täter wieder auf den rechten Weg zu bringen.







