Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Gott rechnet anders, er rechnet göttlich

Msgr. Bernhard Schröder ist Subsidiar im Pastoralverbund Drolshagen.

Gott und seine Liebe zu uns ist „unberechenbar“. 

von Bernhard Schröder 

Ein Denar war zur Zeit Jesu der herkömmliche Tageslohn für einen Arbeiter. Diesen Tarif vereinbarte auch der Gutsbesitzer mit den Männern, die er am frühen Morgen zum Arbeiten in seinen Weinberg schickte. Weitere Arbeiter warb er im Laufe des Tages für die Tätigkeit im Weinberg an, sogar auch noch kurz vor Feierabend. Und am Abend  nahm der Verwalter im Auftrag des Weinbergbesitzers die Entlohnung vor, der die Anweisung gab, mit den letzten zu beginnen. 

Und jetzt kam die Überraschung: Einen Denar – also einen ganzen Tageslohn – bekamen die ausbezahlt, die nur eine Stunde gearbeitet hatten. Die anderen freuten sich insgeheim und machten sich berechtigte Hoffnung, entsprechend mehr zu bekommen. Aber dann kam die Ernüchterung: Auch sie erhielten nur einen Denar. Nur zu gut kann ich nachvollziehen, dass sie total empört waren und sich ungerecht behandelt fühlten; denn sie hatten schließlich ungleich länger gearbeitet „und die Hitze ertragen“.

Aber der Gutsherr begründet seine Entscheidung mit der am Morgen getroffenen Vereinbarung: ein Denar; und versucht, die Empörten mit drei Fragen zu besänftigen: „Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?“ – „Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will?“ – „Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?“ 

Diese interessante Erzählung will uns nicht ein als vollkommen ungerecht empfundenes Arbeitgeberverhalten als vorbildlich hinstellen, nach der Devise: Geh und handle genauso! Sondern sie ist, wie Matthäus eingangs bemerkt, ein Gleichnis vom Himmelreich. So handelt also Gott; so verhält sich Gott zu uns Menschen. Gottes Maßstäbe sind anders als wir Menschen kalkulieren und aufrechnen. 

Mit diesem Gleichnis will uns Jesus die unvorstellbare und im wirklichen Sinn unberechenbare Güte Gottes vor Augen führen. Diese maßlose Liebe Gottes errechnet sich keinesfalls aus der Leistung von uns Menschen. Wir sind immer diejenigen, die von Gott beschenkt werden. So schreibt Paulus an die Korinther: „Was hast du, das du nicht empfangen hättest“ (1 Kor 4,7)? So ist Gottes Heilshandeln, seine Güte, seine Liebe, seine Vergebung nicht zu vergleichen mit den Tabellen von Lohntarifen. Die maßlose Liebe Gottes ist das Maß für seinen „Lohn“.

Auch wenn die Begabungen und Fähigkeiten, aber auch die Beschränkungen unterschiedlich, Berufungen noch so verschiedenartig sind – Väter, Mütter, Vorgesetzte, Mitarbeiter, Ordenschristen und Priester – und die Lebenssituationen so vielfältig sind – Kranke, Gesunde, Glückliche und Leidende, Langzeitkranke und von den Gebrechen des Alters Gezeichnete –, rechnet Gott nicht ab nach der erbrachten Leistung. Dem Schächer am Kreuz hat Jesus in seiner letzten Lebensstunde die liebende Vergebung zugesprochen, so wie mancher auch erst auf dem Sterbebett nach einem gottfernen Leben die Versöhnung empfangen darf. Gott rechnet nicht, wie wir Menschen es tun. Er rechnet göttlich! Und deshalb werden die „Letzten die Ersten sein“. 


23.05.2012
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