Gedanken zum Evang elium
Gott ist gegen wärtig – wo ist das?
Gott ist nahe, aber nicht so, wie Menschen es erwarten.
Diese Lehre zieht Schwester Laetitia Eberle vom Paderborner Michaelskloster aus der Geschichte von dem Propheten Elija am Gottesberg Horeb.
Vielleicht machen Sie es gerade wie der Prophet Elija: Sie haben sich zurückgezogen, um für eine gewisse oder noch ungewisse Zeit von der Außenwelt Abstand zu nehmen. Bei Elija allerdings kam noch hinzu, dass er sich, nachdem er das ungerechte Königshaus kritisiert hatte, auf der Flucht befand. In einer verzweifelten Situation, in der er sein Leben aufgeben wollte, blieb er auf der Suche nach Gott. Erschöpfung in einem so lebensbedrohlichen Sinne werden vielleicht nur wenige von Ihnen kennen, aber natürlich kennen wir alle das Gefühl, dass uns trotz großer Mühen nur wenig gelingt, die Kräfte uns unter den Fingern zerrinnen. Sein Blick in die Vergangenheit führt den Propheten in die Verzweiflung, verdirbt jeden Mut, weiterzuleben. Gott, der tröstet und aufrichtet, hat Elija wieder auf die Beine geholfen, ein Rabe hat ihm zu essen gebracht und ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: „Steh auf und iss!“. Elija ist einer, der die Gegenwart Gottes in seinem Leben erfuhr.
Nach einer kräftezehrenden Wüstenwanderung sitzt er in einer Höhle und wartet auf Gott, der sich weder im Sturm, noch im Erdbeben oder im Feuer, noch im leisen Säuseln zu erkennen gibt – Gott ist nicht in den Erscheinungsformen der Welt. Diese Erwartung, die von früheren Gotteserweisen bekannt war, wird enttäuscht. Gott ist anders als unsere Vorstellungen, vor allem als unsere Vorstellungen von seiner Macht und Durchschlagskraft. Von einem sanften und leisen Säuseln wird erzählt. Martin Buber übersetzt: „verschwebendes Schweigen“. Gott ist anders als unsere Wünsche das annehmen. Auch die Stille selbst ist nicht gleich Gotteserfahrung, sie ist deutlich abzugrenzen von produzierten Gefühlen religiöser Erhabenheit. Stille ist ambivalent: Sie kann wohltuend sein, wenn man der Unruhe und dem Lärm des Alltags für eine Weile entkommt, andererseits kann sie unendlich leer sein. Elija kann Gottes Anwesenheit und Wirken nur deshalb wahrnehmen, weil es um ihn herum und in ihm selbst still geworden ist. Er ist durch all die Stürme und Beben seines Lebens hindurch zur Ruhe gekommen und empfänglich geworden. Er spürt Gottes aufrichtende Nähe und tritt neuerdings hinaus ins Leben.
Der Prophet wird neu geweckt zum Leben und zum Glauben. Dieser Glaube ist mehr als die Entscheidungskraft eines starken Charakters. Glauben, das ist der unverhoffte Mut, der einen doch wieder aufstehen und weitergehen lässt, auch wenn man den Weg und das Ziel noch nicht recht sieht. Gott selbst ist dabei immer anwesend, ganz leise ist er da, ob wir Menschen das anerkennen oder nicht, aber er „zieht vorüber“, wenn es laut und oberflächlich wird. Dem leisen Wehen Gottes zu lauschen kann eine Alltagshaltung für uns Menschen sein, indem wir aus der Stille und Zurückhaltung heraus dem Anderen mit hohem Respekt begegnen. Geborgen in Gottes Hand und geformt durch die innere Stille können wir aus uns heraustreten, ohne uns dabei zu verlieren. Wir beginnen in der Stille vielleicht ganz neu zu hören, wir fangen an, uns selber zu spüren.
Elija schaut nach vorn und erfährt die unmittelbare Nähe Gottes im stillen, sanften Sausen des Windes. Der Blick nach vorn und das Hören auf die leisen Töne des Lebens, das Lauschen auf das, was uns froh, dankbar und hoffnungsvoll zu machen verspricht, ist also ein besonderes Hören und Sehen. Wir sollen erkennen lernen, dass das stille, sanfte Wehen des Windes uns nicht nur sanft über die Haut fährt, sondern uns anzeigen will, dass uns unser Gott nahe ist, näher, als wir uns je selbst nahe sein können. Wir können so lernen, tiefer in die Situationen, in denen wir leben und die uns ständig zu Entscheidungen herausfordern, hineinzuschauen und aus unserm Innern heraus Achtsamkeit und Behutsamkeit im Umgang mit unserer Umwelt walten zu lassen. Manchmal muss man die Augen schließen, gar einen Mantel über den Kopf ziehen, um so durch die Wirklichkeit hindurch Gott hinter den Dingen unseres Alltags zu entdecken und ihn ganz nahe bei uns finden zu können. Der Schlaf, der Rückzug in die Einsamkeit der Wüste, das Abschalten von einer allzu grellen Wirklichkeit, der Verzicht auf unnötiges Plaudern – alle diese Rückzüge gehören zu den Gaben Gottes, die uns trösten und die uns stärken.
Schwester Laetitia Eberle,
Michaelskloster, Michaelstr. 17,
33098 Paderborn




