Kommentar
Generation Voyeurismus
Personalchefs schauen sich heute im Internet um und informieren sich auf den einschlägigen Portalen über ihre Bewerber. Dabei finden sie manch Selbstdarstellung, die alle Grenzen der versäumten Persönlichkeit sprengen.
Christian Schlichter (45) ist Chefredakteur des DOM
Man stellt sich dar. In aller Offenheit und zugleich auch Peinlichkeit. Der nachwachsenden Generation ist heute kaum eine Scham fremd. Brüsteten sich Pubertierende früher lautstark auf dem Schulhof mit ihren Alkoholexzessen, so hat sich ihr Marktplatz nun verschoben. Bilder wilder Partys, halbbekleidete Selbstdarstellungen, all das ist zu finden in den einschlägigen Verzeichnissen im Internet. Dort entblättern sich junge Leute im wahrsten Sinne des Wortes. Dass eine ganze Welt dabei zuschaut, ist ihnen entweder gar nicht so bewusst, oder sie nehmen es in ihrem Alter in Kauf.
Dass sich das rächen kann, haben die Schlagzeilen der vergangenen Wochen gezeigt. Jede kleine Jugendsünde wird per Computernetz nun zum dokumentierten Fehltritt.
Auch früher gab es manche Dummheiten, die später verschämt aus dem Lebenslauf verschwanden. Auch früher gab es manch öffentlichen Angeber, der anschließend zurückstecken musste. Doch damals hatte das alles nur der bereits erwähnte Schulhof mitbekommen. Heute trägt das plötzlich in die ganze Welt. Jungen Menschen die Folgen in aller Konsequenz zu erklären, muss Aufgabe von Eltern und Großeltern sein. Sie sollten durchaus mit dem Griff ins eigene Fotoalbum deutlich machen, dass persönliche Würde auch aktiv geschützt werden muss. Ist sie einmal zerstört, der Ruf einmal ruiniert, ist eine Reparatur selten möglich.Weniger ist mehr, das musste die Jugend immer schon lernen. Selten war das so wichtig, wie heute.






