Generalvikar Hardt: nur der nüchterne Blick auf objektive Zahlen ermöglicht kreative Reaktion

- Alfons Hardt wurde 1950 in Menden geboren. Nach dem Abitur 1968 folgte ein Jura-Studium bis zur zweiten Staatsprüfung 1976. Er sattelte um auf Theologie, wurde 1981 zum Priester geweiht. Seelsorglich war Hardt als Vikar in Bad Arolsen und Subsidiar in Oberntudorf tätig. Von 1983 an arbeitete er im kirchlichen Offizialat, wurde ab 2000 Chef des pastoralen Personals und ab 2004 Generalvikar.
Für einen verantwortungsvollen Umgang mit vorhandenen Ressourcen sei es unerlässlich, sich mit Zahlen und Statistiken zu befassen, schreibt Generalvikar Alfons Hardt. Nur so sei es möglich, einen Blick in die Zukunft auch der Kirche zu werfen.
von Alfons Hardt
Zahlen und Statistiken versuchen, Wirklichkeit möglichst exakt zu beschreiben: Daten von Wirklichkeitsstrukturen werden erhoben und durch Zahlen ausgedrückt, in Statistiken eingearbeitet. Diese beschreiben Trends und erlauben Prognosen. Das ist für die Gesellschaft, den Staat, die Wirtschaft von Bedeutung: Es muss geschaut werden, was vorhanden ist, womit gerechnet werden kann und muss, um daraus Konsequenzen für künftiges Handeln ableiten zu können.
So wie eine „statistische Vergewisserung“ für ein Gemeinwesen unverzichtbar sind, so auch für die Kirche: Für die Kirche als „Gemeinschaft der Glaubenden“, als „pilgerndes Volk Gottes auf dem Weg durch die Zeit“ und ebenso für die Kirche als Institution. Ein ernster und zugleich realistischer Blick in das Heute, eine Bestandsaufnahme des „Hier und Jetzt“, kombiniert mit der Wahrnehmung geschichtlicher Entwicklungen, erst das ermöglicht einen guten und vertrauensvollen Blick in die Zukunft. Für einen verantwortungsvollen Umgang mit vorhandenen Ressourcen ist es deshalb unerlässlich, sich mit Zahlen und Statistiken zu befassen und auseinanderzusetzen.
Einer Statistik kommt eine Ordnungsfunktion im Sinne von Erkenntnisbildung und Hilfe zur Entscheidungsfindung zu. Statistiken basieren auf einer theoretischen Vorstellung (Modell) und ermöglichen es, Daten zu gewinnen und zu interpretieren. Statistiken helfen zu begreifen, dienen dem Verständnis und reduzieren zugleich komplexe Informationen. Diese Dienstfunktion von Statistiken ist mir wichtig, wir dürfen uns nicht zu „Sklaven der Statistik“ machen. Damit ist sowohl ihr Gewinn als auch ihr Mangel benannt.
Es ist für uns obligatorisch, uns mit demografischen Entwicklungen im Land und in der Kirche zu beschäftigen. Wie sollten wir sonst bedarfsgerecht in unseren Gemeinden Kindergartenplätze bereitstellen, wie sollten unsere katholischen Schulen im Blick auf Schülerzahlen planen, wie hinsichtlich Erhaltungs- und Baumaßnahmen Aussagen gemacht werden. Auch müssen Entwicklungen bei den Kirchensteuereinnahmen, der Zahl der Priester in unseren Planungen Berücksichtigung finden. Die zurückgehende Bevölkerungszahl und damit auch der Kirchenmitglieder und der Aktiven in den Kirchengemeinden unseres Erzbistums, die Entwicklung der Zahl der Priester (Priester im aktiven Dienst, Altersstruktur) und der Hauptamtlichen im pastoralen Dienst verlangen eine Umstrukturierung im Bistum. Mit der Gründung von Pastoralverbünden haben wir diese Entwicklung beantwortet. Es ist das Anliegen von Erzbischof Hans-Josef Becker, Strukturen im Erzbistum innerhalb der nächsten Jahre bis zum Jahr 2030 so zu verändern und zu aktualisieren, dass sie möglichst den dann anzutreffenden Verhältnissen und Anforderungen gerecht werden. Bei diesem Anliegen statistische Aussagen und Prognosen zu nutzen, ist ein Gebot der Stunde, auch deshalb, um sich über die Strukturen hinaus den entscheidenden Inhalten widmen zu können, auch in Zukunft die Weitergabe des Glaubens in den Blick zu nehmen, missionarisch Kirche zu sein.
Die objektiven Zahlen offenbaren einen Rückgang, ein Weniger. „Negative Zahlen“ stimmen wenig optimistisch, drohen zu lähmen. Das wäre eine menschliche Reaktion. Es ist jedoch unser Anliegen, glaubend und hoffend in die Zukunft zu blicken. Dabei ist klar: Nur der realistische und nüchterne Blick auf objektive Zahlen ermöglicht eine kreative Reaktion, setzt Kräfte frei, konzentriert und optimiert.
Bei all den Zahlen, den notwendigen Erhebungen und durch Statistiken fundierte Prognosen, mit denen wir konfrontiert sind und mit denen wir uns beschäftigen, wünsche ich mir allerdings auch eine gute und kritische Distanz dazu: Eine Distanz, die mit dem „Wehen des Heiligen Geistes“ rechnet, die berücksichtigt, dass „Gott der Herr der Geschichte“ ist und dass gerade deshalb alles auch ganz anders kommen kann, eine „sichere“ Prognose nicht eintritt, eine Voraussage nicht in Erfüllung geht. Weil „der Geist Gottes weht wo er will“ dürfen wir uns nicht zu sehr von statistischen Daten festlegen lassen, müssen und dürfen wir mit Gottes Heilswillen rechnen. Andererseits dürfen wir aber auch nicht die Augen verschließen vor Realitäten und Entwicklungen, die sich abzeichnen. Tun wir das eine, ohne das andere zu lassen. Tun wir unseren Teil, den wir tun können (und müssen), und vertrauen wir zugleich auf die Wirkmacht Gottes und seinen Beistand, nicht nur in unserer Zeit.






