Aktuelle Ausgabe
2012-20

Wie manche Nachfolger des Petrus Gottes Willen missdeutet und missachtet haben

Geld, Gewalt und Gunst

Mancherlei Irrungen: Bischöfe knien vor Papst Innozenz II., der die Folter zuließ. Machtgelüste hatten auch (links von oben) Alexander VI. (Borgia-Papst), Klemens V. und Sergius III.Fotos: kna

„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ So heißt es im 16. Kapitel des Matthäus-Evangeliums und für viele Christen ist dies ein starkes Zeugnis für den Anspruch der langen Reihe der Päpste, der bis heute stets der gleiche ist: Nachfolger des Apostels Petrus und Stellvertreter Christi auf Erden zu sein. Dass dies nicht automatisch bedeutet, den Willen Christi auch zu kennen, zeigt sich schon für Petrus selbst. „Weg mit dir Satan!“, herrscht Jesus ihn an. „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern, was die Menschen wollen.“

von Christoph Buysch

Kirchenkritiker werfen auch einer ganzen Reihe von Petrus Nachfolgern vor, dass sie den Willen Christi missdeutet, sogar missachtet oder keinesfalls im Sinn gehabt haben. Besonders im Mittelalter verdunkelten Machtgier, Egoismus und Streben nach Luxus als päpstliche Versuchungen den Willen Jesu. Drei Einblicke in diese Zeit sollen dies beispielhaft belegen.
So bezeichnete der römische Kirchenhistoriker Cesare Baronio schon am Ende des 16. Jahrhunderts das mit Papst Sergius III. (904-911) beginnende Zeitalter als „Pornokratie“. Diese Bezeichnung verdankt sich der Überlieferung von angeblichen Liebesverhältnissen des Sergius mit Theodora und Marozia, der Frau und der Tochter des römischen Senators Theo­phylakt, der später auch päpstlicher Finanzverwalter und Militärkommandeur werden sollte. Diese Liebesverhältnisse, die im „Buch der Vergeltungen“ des kaiserfreundlichen Bischofs Liutprand von Cremona berichtet werden, sind allerdings nur bedingt glaubwürdig, da dieser wiederum sich mit solchen Schmähungen von Päpsten beim damaligen Kaiser Otto I. einschmeicheln wollte. Viel schwerwiegender für eine kritische Beurteilung Sergius III. ist dagegen sein Bund mit einflussreichen Familien Roms. Nachdem er vom Herzog von Spoleto militärisch unterstützt nach Rom marschiert war und seinen Anspruch auf den Papstthron mit Waffengewalt durchgesetzt hatte, wurden seine beiden Vorgänger Leo V. und Christophorus eingekerkert und wahrscheinlich umgebracht. Die Allianz mit der Familie des Theophylakt und somit der Spitze des römischen Adels, raubte dem Papsttum schließlich seine Unabhängigkeit, aus denen es sich in der folgenden Zeit kaum befreien konnte.
„Den Drachen Friedrich zu Boden gestreckt“ habe er – so lautet der Spruch auf dem Grabmal Innozenz IV. (1243-1254) in Neapel. Tatsächlich widmete er sich besonders der Auseinandersetzung mit Kaiser Friedrich II., dem er misstraute. Er setzte gegen ihn den Kirchenbann ein und vertrat die Überordnung der Macht des Papsttums gegenüber jeder weltlichen Macht. Innozenz baute seine eigene Position und die des kirchlichen Besitzes sehr machtbewusst aus, indem er Verwandte begünstigte und politische Allianzen gegen Friedrich II. schmiedete. Des Kaisers Autorität schadete das allerdings nur wenig. Erst seine Nachfolger beugten sich teilweise dem Papst. Sicherlich ist solche mittelalterliche Machtpolitik von heutigem Standpunkt nur schwer zu beurteilen, doch ist Innozenz IV. auch Vollender eines sehr tragischen Verfahrens, was auf die Kirche in den kommenden Jahrhunderten einen dunk­len Schatten werfen wird. Mit seinem Schreiben „Ad extirpandam“ führte er 1252 ein Verfahren ein, das bald Vorbild und Norm für Inquisitionsprozesse wurde. Da ihm im Wunsch nach Reinheit der Glaubenslehre die Verfolgung von Irrlehren und Ketzern ein wichtiges Anliegen war, ließ er im Verfahren der Inquisition nun auch die Folter als Mittel zum Zweck der Wahrheitsfindung zu. Gerade dies hat Papst Johannes Paul II. in seinem apostolischen Schreiben über das Jubiläumsjahr als ein besonders schmerzliches Kapitel der Kirchengeschichte bezeichnet, in dem Gewalt in den Dienst der Wahrheit gestellt wurde.
„Von Westen naht er, und noch schnöder trachtet gesetzlos schaltend er nach Gült und Golde.“ So schreibt Dante über Klemens V. (1305-1314) und nennt das wichtigste Mittel dieses Pontifikats: Geld. Dies war schon bei der Papstwahl im Spiel und stammte aus der Schatulle König Philipps IV. des Schönen von Frankreich. Dass dieser damit Einfluss auf den so gewählten Klemens V. gewinnen konnte, zeigte sich schon bald. Bereits 1309 wurde die Papstresidenz nach Avignon verlegt und begründete die 70 Jahre währende „babylonische Gefangenschaft“ der Päpste, in der diese meist nur willenloses Werkzeug des französischen Königs waren. Klemens V. stand darin nicht nach, ernannte schon 1305 so viele französische Kardinäle, darunter auch vier seiner Neffen, dass diese von der Zeit an die Mehrheit im Kardinalskollegium bildeten. Auch verbot Klemens V. den Templerorden, dessen ungeheures Vermögen sich dann auf verborgenen Kanälen wiederum der französische König sicherte. Sicherlich profitierte davon auch Klemens, denn er hinterließ seinen Erben ein gewaltiges Vermögen, der Kirche aber einen nahezu geplünderten Papstschatz.
Man muss nicht erst zum vielleicht tiefsten Punkt der Papstgeschichte, dem berüchtigten Borgia-Papst Alexander VI., hinabsteigen, um Verfehlungen der Päpste gegen den Willen Jesu aufzuzeigen. Es zeigen sich auch so schon genügend Versuchungen von politischer Macht, von Gewalt zur Durchsetzung der eigenen Ziele und von Geld zur persönlichen Bereicherung. Eine abschließende historische Beurteilung mancher Päpste steht noch aus. Doch zeigt sich bei manchen, dass sie den Versuchungen nicht alle und nicht immer widerstehen konnten. Damit zeigen sie, dass Nachfolge Christi bei jedem einzelnen wieder von neuem beginnt. Die Geschichte von Petrus selbst ist dafür das beste Beispiel: einerseits Schwächling und Lügner bis der Hahn kräht, andererseits kraftvoller Verkündiger und Fels der Kirche.


23.05.2012
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