Aktuelle Ausgabe
2012-20

Wann ist eine Gemeinde auf Fels gegründet?

Gegen alle Stürme gewappnet

Die Kirche St. Johannes in Bielefeld wurde vor einigen Wochen abgerissen.
Mit Blick auf das ganze Bistum weiß Msgr. Thomas Dornseifer auch andere Geschichten zu erzählen

Es ist das Idealbild der Kirche: eine Gemeinde zu gründen, die den Stürmen der Zeit widersteht. Eine Kirche zu bauen, die so fest gegründet ist, dass nichts sie umwerfen kann. Doch immer öfter zerplatzt dieser Traum. Kirchen werden geschlossen, profaniert, abgerissen. Gemeinden zusammengelegt oder aufgelöst.  Demografie, Entkirchlichung, sind die Begründungen für diesen neuen Trend. Vor dem Msgr. Thomas Dornseifer, Chef der Pastoralabteilung im Erzbistum Paderborn, aber keine zu große Angst hat. Wenn eine Gemeinde sich regelmäßig zum Gebet treffe und das Wort Gottes miteinander feiere, habe sie alles, was Matthäus im Evangelium beschreibt, um „Stürmen zu widerstehen“ und allen biblischen „Wassermassen“ zu trotzen.

Langsam, fast vorsichtig knabbert der Greifer des Baggers am Turm von St. Johannes. Schiere Steinmasse, gefüllt mit dem Drahtgeflecht eines gut gegossenen Stahlbetons hat er Zentimeter für Zentimeter abzutragen. Noch nicht einmal 40 Jahre ist es her, dass Arbeiter damals voller Enthusiasmus diese Kirche im Bielefelder Westen gebaut haben. Eine neue Kirche für eine neue Gemeinde sollte es werden. Passend zum großen Baugebiet, das im damals noch Gütersloh zugeordneten Stadtteil Windflöte entstehen sollte. Für mehrere hundert Kirchenbesucher bot sie Platz in ihrer für die 60er-Jahre topmodernen Betonarchitektur.  Doch die Bänke wurden selten voll, die Wirklichkeit holte St. Johannes ein. Die kommunale Neugliederung in den 70ern veränderte alles, das Areal wurde der Stadt Bielefeld zugeschlagen und die hatten für ein Baugebiet dort gar keinen Sinn. Also blieb die Kirche auf der grünen Wiese allein. Und in ihr wurde es mangels Gemeinde auch einsam.
Dabei ist die Grundanforderung gerade an eine Gemeinde aus Sicht von Msgr. Thomas Dornseifer klar. Ihr Kernauftrag sei es, sich „zum Hören des Wortes Gottes und zum Feiern des Mahls zu treffen.“ Das Gebäude der Kirche sei eben nicht nur ein Haus aus Stein. Solange sich aber in den Häusern die Menschen versammelten, lebe es. Erst wenn das aufhöre, existiere die Kirchengemeinde nicht mehr, dann brauche es auch das Gebäude nicht, schildert der oberste Pastoralplaner im Erzbistum Paderborn.
Bielefeld-Windflöte ist ein prominenter Fall. Doch die dortige St.-Johannes-Kirche die nun spektakulär dem Abrissbagger zum Opfer fiel, ist nicht der erste Abbau im sonst außerhalb so katholisch verschrieenen Erzbistum Paderborn. Auch dort, zwischen Ruhrgebiet und Sauerland, zwischen westfälischem Katholizismus und Siegerländer Diaspora hat die bundesdeutsche Realität längst Einzug gehalten. „Und doch gibt es gerade bei Visitationen immer wieder erstaunliche Erlebnisse“, will Dornseifer zwar nicht verschweigen, dass die ein oder andere Kirche bereits abgerissen worden ist, auch eine Gemeindezusammenlegung, klassische Rückpfarrung, hat es bereits gegeben. „Aber wenn die Bischöfe auf Visitationen sind, berichten sie auch oft über ganz kleine Kapellengemeinden, die richtig leben“, schildert Msgr. Dornseifer auch andere Erfahrungen. Nicht mehr regelmäßig werde dort zwar die Eucharistie gefeiert. Aber überall werde doch noch aktiv gebetet. Rosenkranz oder Kreuzwege in der Fastenzeit, Totengebet, Andachten zu Gedenktagen oder Marienandachten würden diese Kapellen füllen. Und sie so als Stätten des Gebetes erhalten. Solange sie das habe, sei eine Gemeinde gut gebaut, ist sich der Leiter der Pastoralabteilung sicher.
In Bielefeld gab es das nicht. Von den 500 Gemeindemitgliedern, so schildert es Pfarrer Richard Hesse von der benachbarten Hauptgemeinde im Ortsteil Windelsbleiche, seien lediglich 40 bis 50 zum sonntäglichen Gottesdienst gekommen. Und während sie nach den Vorgaben Dornseifers also durch das immer weniger werdende Gebet praktisch das Fundament verlor, nagte der Zahn der Zeit in ganz anderer Intensität an dem in den 60ern so beliebten Betonbauteilen. Im vergangenen Jahr war es dann soweit. Die Baugutachter attestierten ein undichtes Dach, schwache Leimbinder, der Beton blühte durch das ständige Wasser aus, die Kirche glich an manchen Stellen „einer besseren Tropfsteinhöhle“, wie ein Bauarbeiter beim Abriss bemerkte. „Hier und da weinen einzelne Katholiken der St.-Johannes-Kirche zwar noch eine Träne nach, aber im Grunde haben unsere Christen den Verlust akzeptiert“, hatte Pfarrer Hesse das bereits Wochen vor dem Anrücken der Bagger beschrieben.
Der Fall Windflöte ist für Msgr­. Dornseifer klar. Wenn eine Immobilie auf Mobilien in dieser Form treffe, also wenn ein Kirchenprojekt durch äußere Umstände ins Wanken gerate, dann lasse sie sich nicht halten. Doch eine generelle Absage, ein Rückzug auf breiter Linie sei damit nicht verbunden. „Eine Gemeinde hat auch dann auf Fels gebaut, wenn sie gemeinsam nach Wegen sucht, wie der Glauben weitergegeben werden kann“, beschreibt er die Notwendigkeiten. Die ergäben sich auch aus dem Pastoralkonzept 2014 des Erzbistums Paderborn. „Wir müssen die Menschen in den Blick nehmen, die nicht kommen“ hält Dornseifer es für eine wichtige Aufgabe, am Fundament zu arbeiten. Menschen wieder für die Botschaft Christi zu begeistern, das könne aber auch nicht allein Aufgabe der Hauptamtlichen sein, meint er.
Und um die Haltung geht es ihm. Die Worte des Herrn zu hören, seine Botschaft zu verstehen und danach zu handeln, wie es im Evangelium steht heißt für ihn: Kein langes Gesicht zu machen über die gesellschaftliche Entwicklung, sich nicht schwarz zu ärgern über sinkenden Kirchenbesuch. Sondern dagegen zu setzen mit Überlegungen, „wie wir denn die erreichen können, die nicht kommen“. Eine gute Sonntagsliturgie sei dabei wichtig und ein „kostbarer Schatz“, den es auch seitens der Pfarrer zu pflegen gebe. Denn eine Gemeinde verliere ihren starken Felsen erst dann, wenn sie das Gebet verliere. Solange aber die Gemeinde lebe, lebe auch das Kirchengebäude, ist er sich sicher. Dann halte es auch manchen „Wassermassen“ stand.
Christian Schlichter


22.05.2012
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