Gedanken zum Evangelium
„Gebt ihr ihnen zu essen!“
Das Brot vermehrt sich im teilen. So will Jesus das Problem des Hungers lösen, wie Pfarrer Heinz-Josef Löckmann aus Marienloh die Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung deutet.
Mein Vater erzählte immer wieder ein Erlebnis aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Damals habe sein fünf Jahre alter Bruder eines Tages vor dem Brotschrank in der Küche gestanden und die Mutter um ein Brot gebeten: „Ruhig tocken.“ (Er konnte damals das „r“ noch nicht sprechen.) Die Mutter aber habe diesen Wunsch nicht erfüllen können, denn der Brotschrank blieb im Hungerwinter 1917 für lange Zeit leer.
Vor dem gleichen Problem, das uns heute in Deutschland nahezu unbekannt ist, stehen gegenwärtig Tausende von Müttern und Vätern vor allem in den sogenannten Entwicklungsländern. Der Hunger ist längst nicht weltweit besiegt. Durch die Verteuerung der Nahrungsmittel hat er in den letzten Monaten noch zugenommen, sodass es sogar schon zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen ist. Man möchte vor diesem Problem die Augen verschließen und am liebsten wegschauen, so bedrängend ist es.
Bedrängend war das Problem hungriger Menschen auch für die Jünger Jesu, wie wir im 14. Kapitel des Matthäus-Evangeliums lesen können. Diese Perikope beginnt mit dem Hinweis auf die Enthauptung Johannes des Täufers durch König Herodes. Nach dessen Tod muss Herodes denken, dass Jesus seinen Platz als Haupt der Täuferbewegung einnimmt. Dadurch gerät Jesus in akute Todesgefahr und flieht mit dem Boot in eine einsame Gegend. Die Menschen aber lassen Jesus nicht in Ruhe. Sie folgen ihm in die Einsamkeit und hören seinen Worten den ganzen Tag über zu. Am Abend aber stellt sich die Frage, wie sie zu bewirten seien. Die Jünger wollen ähnlich wie viele heute das Problem der hungernden Menschen verdrängen. „Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können!“ (Mt 14,15). Aber wie sollte das geschehen in einer öden Gegend und bei so vielen Menschen. Wenn Jesus diesem Vorschlag gefolgt wäre, hätten die Jünger kein Problem mit dem Hunger der Menschen gehabt. Umso härter muss sie nun die völlig anders lautende Aufforderung Jesu treffen: „Gebt ihr ihnen zu essen!“
Jesus nämlich will das Problem nicht verdrängen, sondern lösen – und dafür nimmt er die Hilfe der Jünger in Anspruch. Er tritt nicht als einsamer Wundertäter auf, was ihm als Gottessohn doch auch möglich gewesen wäre. Das ist umso auffallender, weil er in diesem Evangelium von Matthäus als der Heiland, als der helfende Freund der Menschen, geschildert wird. Er erfährt ja am eigenen Leib im Augenblick die Not des Verfolgtseins und kann sich in leidende Menschen einfühlen. So empfindet Jesus also Mitleid mit ihnen. Er heilt die Kranken und er sieht – am Abend des Tages – auch ihren Hunger. Aber: er wirkt das Wunder eben nicht allein und auch nicht aus dem Nichts. Stattdessen lässt er von den Jüngern die vorhandenen fünf Brote und zwei Fische herbeibringen und gibt die Anweisung, sie nach ihrer wunderbaren Vermehrung zu verteilen – als Gabe des guten Gottes, dem Jesus, jüdischem Brauch entsprechend, durch den Blick zum Himmel und dem Lobpreis gedankt hat.
Deutlich wird in unserem Evangelium, dass es keine billige Notration ist, mit der Jesus der prekären Lage am Abend dieses Tages abhilft. Ausdrücklich überliefert uns der Evangelist, dass alle satt wurden. Und „alle“, das sind in diesem Fall immerhin fünftausend Männer, Frauen und Kinder nicht eingerechnet – jedenfalls also eine große, kaum überschaubare Menschenmenge. Ja, es bleibt sogar von den guten Gaben noch etwas übrig, nämlich zwölf Körbe voller Brotstücke – ein Hinweis auf die überfließende Liebe Gottes, der Leben in Fülle schenken will.
Wenn ich heute dieses Evangelium lese, dann habe ich die hungernden Menschen unserer Tage vor Augen und höre zugleich den Appell Jesu: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Ich weiß, dass nicht nur der Leib, sondern auch die Seele Hunger hat, und wir Christen auch diesen Hunger nicht vernachlässigen dürfen. Ich scheue mich aber auch, die Anweisung Jesu nur auf den Hunger im übertragenen Sinn zu beziehen. Dafür ist die Not des leiblichen Hungers zu groß. Die Fachleute sagen mir, dass die Erde genug Nahrung für alle Menschen hervorbringen kann und dass der heutige Hunger in erster Linie ein Verteilungsproblem der vorhandenen Ressourcen darstellt. Wann, so frage ich mich deshalb, fangen wir endlich an, das Brot, das Gott uns schenkt, an alle zu verteilen, wie es von den Jüngern im Evangelium berichtet wird?
Pfarrer Heinz-Josef Löckmann,
Leiter des Pastoralverbundes
Eggevorland,
Detmolder Str. 359,
33104 Paderborn




