Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kolping im Visier der Stasi: Der frühere Generalpräses Festing über Erlebnisse und Enttäuschungen

„Für mich brach eine Welt zusammen“

Im Visier der Stasi und von einem Kolpingmitglied aus Ost-Berlin ausspioniert: Heinrich Festing mit Kopien aus seiner umfangreichen Stasi-Akte.

Erzbistum. Die Staatssicherheit in der ehemaligen DDR war meistens unsichtbar und doch allgegenwärtig. In ihrem Allmachtsanspruch hatte die Mielke-Organisation vor allem mögliche Oppositionelle im Visier – auch im Umfeld der Kirchen. Dabei reichte der Stasi-Arm bis in den Westen, wie der langjährige Generalpräses des Internationalen Kolpingwerkes Heinrich Festing erfahren musste.

von Andreas Wiedenhaus

Der Aktenordner unterscheidet sich auf den ersten Blick in keiner Weise von den zahlreichen anderen im Arbeitszimmer von Prälat Heinrich Festing. Doch hinter diesen grauen Aktendeckeln verbergen sich Geschichten und Ereignisse, die den langjährigen Kolping-Generalpräses bis heute nicht zur Ruhe kommen lassen. Viele der Kopien tragen einen roten Stempelaufdruck: „BStU“ ist dort zu lesen, die Abkürzung für „Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR“. Die Blätter sind Kopien aus der Stasi-Akte über Festing.

„Dass die Stasi sich für uns interessierte, war uns klar“, sagt Festing im Rückblick auf seine Tätigkeit als Paderborner Diözesanpräses und Generalpräses. Es gab vielfältige Kontakte in die DDR, zum Bistum Magdeburg, nach Berlin – letztlich überall dorthin, wo es Kolpingsfamilien in der DDR gab.

Auch mehr oder minder konkrete Hinweise auf Spitzelaktivitäten in diesem Umfeld habe es gegeben. Als Festing jedoch die Wahrheit darüber erfuhr, wer der Informant war, „da brach für mich die Welt zusammen“, erinnert er sich heute. IM „Schramm“, so der Deckname des Stasi-Mitarbeiters, war niemand anders als Heinrich Schimetzek aus Ost-Berlin, altgedienter „Kolpinger“ und Diözesan-Altsenior. Eine bessere „Quelle“ konnte es aus Stasi-Sicht gar nicht geben. Laut Prälat Festing war Schimetzek erste Anlaufstelle für alle aus dem Westen, die Kolping-Kontakte in die DDR hatten: „Bei meinen unzähligen Reisen in die DDR war er immer involviert.“

Als Festing seine Akte einsah, „traf es mich dann noch einmal wie ein Schock“! Tausende Seiten mit akribisch gesammelten Berichten – ohne die Zeit von 1981 bis 1989, denn diese Akten sind verschollen. Schimetzek hatte gemeinsam mit seiner Frau IM „Irmchen“ gründliche Arbeit geleistet – und das seit 1952! „Wut, Enttäuschung – meine Gefühle kann ich gar nicht beschreiben.“ Festing wollte „reinen Tisch“ machen und drang auf ein Treffen mit Schimetzek. Doch dies verlief enttäuschend: „Er redete sich heraus und berief sich darauf, gezwungen worden zu sein.“ Davon, das weiß Festing jetzt, „stimmte kein Wort“.

Mit Blick auf die gesamte Stasi-Problematik plädiert Festing für eine gründliche Aufarbeitung – mit Augenmaß: „Ein Urteil steht uns erst dann zu, wenn wir die Umstände und Hintergründe kennen!“ Doch in diesem Zusammenhang dürfte vieles im Dunkeln bleiben. Unzählige Akten wurden vernichtet, Aussagen widersprechen sich. Festing: „Manch ein IM ist unter Druck gesetzt worden, nicht alle haben freiwillig ihre Spitzeldienste angeboten – da hat es viel Druck mit zum Teil unmenschlichen Mitteln gegeben!“

Aus christlicher Sicht spräche vieles für eine Versöhnung: „Doch dazu müssen die Täter ihren Opfern gegenüber wirklich Farbe bekennen.“ Meistens bliebe das jedoch aus. Die Alternative dazu dürfe aber keinesfalls ein „Schwamm drüber“ sein: „Dafür haben zu viele Menschen unschuldig unter dem Regime und seinen Tätern gelitten – zu viele Leben sind zerstört worden!“

Auf wissenschaftlicher Ebene werden die Stasi-Aktivitäten gegen das Kolpingwerk bereits aufgearbeitet. Eine Mainzer Historikerin schreibt derzeit ihre Doktorarbeit zu diesem Thema.


22.05.2012
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